Comic - Thriller
Berlinoir (Neuausgabe)
Berlinoir (Neuausgabe)
EINLEITUNG
Vampire, Berlin und eine ordentliche Portion Politik: „Berlinoir“ von Tobias O. Meißner und Reinhard Kleist erschien ursprünglich zwischen 2003 und 2008 in drei Teilen. Nun bringt Carlsen die Geschichte erneut als Gesamtausgabe heraus. Der Zeitpunkt kommt nicht von ungefähr, denn „Berlinoir“ diente als Vorlage für die Disney+-Serie „City of Blood“. Die Neuausgabe vereint die komplette Geschichte in einem großformatigen Hardcover und wurde um bisher unveröffentlichtes Zusatzmaterial ergänzt. Inhaltlich erwartet uns ein alternatives Berlin, das von Vampiren beherrscht wird und in dem sich eine kleine Gruppe Menschen gegen das bestehende System stellt.
HANDLUNG
Berlin ist nicht mehr die Stadt, die wir kennen. Vampire beherrschen die Hauptstadt und haben ein System geschaffen, in dem Menschen zwar weiterhin leben und arbeiten, gleichzeitig aber den Vampiren untergeordnet sind. Doch nicht alle wollen sich damit abfinden. Eine Gruppe von Rebellen stellt sich gegen die Herrschenden und versucht, deren Macht zu brechen.
Dabei bleibt es nicht bei einem einfachen Kampf zwischen Menschen und Vampiren. Machtkämpfe, unterschiedliche politische Vorstellungen und Konflikte innerhalb der verschiedenen Gruppen spielen eine immer größere Rolle. Gleichzeitig erinnert dieses fiktive Berlin an verschiedenen Stellen an die tatsächliche Geschichte der Stadt.
KRITIK
Die Grundidee von „Berlinoir“ gefällt mir ziemlich gut. Vampire sind hier nicht irgendwelche Monster, die nachts durch Berlin laufen und Menschen jagen. Sie haben die Stadt längst übernommen und ein eigenes politisches System aufgebaut. Die Menschen leben weiterhin in Berlinoir, müssen sich aber mit den neuen Machtverhältnissen arrangieren. Dagegen formiert sich Widerstand. Aus dieser Ausgangslage entwickeln Tobias O. Meißner und Reinhard Kleist eine Mischung aus Vampirgeschichte, Thriller und politischer Dystopie.
Besonders interessant sind dabei die vielen Bezüge zur deutschen und vor allem zur Berliner Geschichte. „Berlinoir“ spielt nicht einfach in einer Vampirversion des heutigen Berlins. Die Autoren greifen unterschiedliche Epochen auf. Es gibt Anklänge an die Weimarer Zeit, später aber auch deutliche Parallelen zu Mauerbau und deutscher Teilung. Dadurch entsteht ein Berlin, das gleichzeitig vertraut und vollkommen fremd wirkt.
Man muss diese historischen Bezüge nicht alle erkennen, um der Handlung folgen zu können. Wer sich mit Berlin und seiner Geschichte auskennt, dürfte aber einiges wiedererkennen. Gerade das hat mir gefallen, weil die historischen Parallelen nicht nur im Hintergrund auftauchen, sondern immer wieder mit den politischen Entwicklungen in Berlinoir verbunden werden.
Dabei machen es sich Meißner und Kleist nicht so einfach, Menschen grundsätzlich als die Guten und Vampire als die Bösen darzustellen. Im Verlauf der Geschichte wechseln die Perspektiven und auch innerhalb der einzelnen Gruppen gibt es unterschiedliche Interessen. Figuren treffen Entscheidungen, die nicht immer eindeutig richtig oder falsch sind. Das macht die politischen Konflikte interessanter, sorgt aber auch dafür, dass man bei den verschiedenen Parteien und Entwicklungen etwas aufmerksamer lesen muss.
Überhaupt nimmt die Politik überraschend viel Platz ein. Wer bei „Vampire beherrschen Berlin“ vor allem einen Horror- oder Actioncomic erwartet, bekommt deutlich mehr Gespräche über Macht, Herrschaft und die Zukunft der Stadt. Meistens fand ich das interessant, an einigen Stellen zieht sich die politische Handlung allerdings etwas. Gerade im Mittelteil hätte die Geschichte für meinen Geschmack an manchen Stellen schneller vorankommen können.
Optisch spielt „Berlinoir“ dafür seine große Stärke aus. Reinhard Kleist zeichnet die Geschichte in Schwarz-Weiß und arbeitet stark mit Licht und Schatten. Besonders auffällig ist die Aufteilung der Seiten. Immer wieder gibt es sehr schmale, hohe Panels, die gut zu den Straßenschluchten und Hochhäusern dieser Version von Berlin passen. Daneben stehen größere Bilder, denen Kleist entsprechend mehr Raum gibt. Dadurch sehen die Seiten nicht ständig gleich aus.
Auch die Stadt selbst macht einiges her. Bekannte Berliner Architektur trifft auf Hochhäuser, Werbetafeln und natürlich jede Menge Fledermäuse. Dazu kommen Einflüsse, die an Fritz Langs „Metropolis“ und andere Filme der Weimarer Zeit erinnern. Das passt erstaunlich gut zum Vampirthema und gibt Berlinoir eine ziemlich eigene Optik.
Nicht jede Seite erreicht allerdings das Niveau der stärksten Bilder. Vereinzelt bleiben Hintergründe sehr leer, was gerade deshalb auffällt, weil Kleist die Stadt an anderer Stelle so detailliert und wirkungsvoll inszeniert. Insgesamt überwiegt für mich aber klar der positive Eindruck. Gerade die starken Hell-Dunkel-Kontraste passen hervorragend zu dieser düsteren Version Berlins.
Trotz der ernsten Geschichte gibt es zwischendurch immer wieder Humor und Seitenhiebe. Auch hier funktioniert für mich nicht alles gleich gut. Manche Anspielungen lockern die Geschichte angenehm auf, andere wirken etwas bemüht. Das ist aber eher eine Kleinigkeit und fällt bei der langen Geschichte nicht besonders schwer ins Gewicht.
Interessant ist natürlich auch die Frage, was die Neuausgabe von 2026 bietet. Schließlich ist „Berlinoir“ keine neue Geschichte. Die drei Teile „Scherbenmund“, „Mord!“ und „Narbenstadt“ erschienen ursprünglich zwischen 2003 und 2008 und wurden auch schon früher gemeinsam veröffentlicht. Die neue Carlsen-Ausgabe versammelt sie nun erneut in einem großformatigen Hardcover.
Dazu kommt ein umfangreicher Bonusbereich. Dort finden sich unter anderem Materialien zur Entstehungs- und Veröffentlichungsgeschichte, Kommentare, Skizzen und ein Begleittext von Tobias O. Meißner. Außerdem wird darauf eingegangen, wie sich das Berlin des Comics von der Interpretation in der Serienadaption „City of Blood“ unterscheidet bzw. nicht unterscheidet
Damit bietet die Neuausgabe zumindest mehr als nur ein neues Cover. Für Leser, die „Berlinoir“ noch nicht kennen, ist die Gesamtausgabe ohnehin eine gute Gelegenheit, alle drei Teile in einem Band zu lesen. Wer bereits eine ältere Gesamtausgabe besitzt, sollte dagegen selbst entscheiden, ob ihm das zusätzliche Material einen erneuten Kauf wert ist. Die eigentliche Comicgeschichte bleibt schließlich dieselbe.
FAZIT
„Berlinoir“ hat mir vor allem wegen seiner ungewöhnlichen Mischung gefallen. Die Idee eines von Vampiren beherrschten Berlins ist schon interessant, richtig spannend wird sie aber durch die politischen und historischen Bezüge. Nicht jede politische Passage hält dabei das gleiche Tempo und manche Anspielung funktioniert besser als andere. Die Neuausgabe ist vor allem für Leser interessant, die „Berlinoir“ bisher noch nicht kennen, denn hier bekommt man die komplette Geschichte zusammen mit zusätzlichem Material.
Copyright: Carlsen
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EINLEITUNG
Vampire, Berlin und eine ordentliche Portion Politik: „Berlinoir“ von Tobias O. Meißner und Reinhard Kleist erschien ursprünglich zwischen 2003 und 2008 in drei Teilen. Nun bringt Carlsen die Geschichte erneut als Gesamtausgabe heraus. Der Zeitpunkt kommt nicht von ungefähr, denn „Berlinoir“ diente als Vorlage für die Disney+-Serie „City of Blood“. Die Neuausgabe vereint die komplette Geschichte in einem großformatigen Hardcover und wurde um bisher unveröffentlichtes Zusatzmaterial ergänzt. Inhaltlich erwartet uns ein alternatives Berlin, das von Vampiren beherrscht wird und in dem sich eine kleine Gruppe Menschen gegen das bestehende System stellt.
HANDLUNG
Berlin ist nicht mehr die Stadt, die wir kennen. Vampire beherrschen die Hauptstadt und haben ein System geschaffen, in dem Menschen zwar weiterhin leben und arbeiten, gleichzeitig aber den Vampiren untergeordnet sind. Doch nicht alle wollen sich damit abfinden. Eine Gruppe von Rebellen stellt sich gegen die Herrschenden und versucht, deren Macht zu brechen.
Dabei bleibt es nicht bei einem einfachen Kampf zwischen Menschen und Vampiren. Machtkämpfe, unterschiedliche politische Vorstellungen und Konflikte innerhalb der verschiedenen Gruppen spielen eine immer größere Rolle. Gleichzeitig erinnert dieses fiktive Berlin an verschiedenen Stellen an die tatsächliche Geschichte der Stadt.
KRITIK
Die Grundidee von „Berlinoir“ gefällt mir ziemlich gut. Vampire sind hier nicht irgendwelche Monster, die nachts durch Berlin laufen und Menschen jagen. Sie haben die Stadt längst übernommen und ein eigenes politisches System aufgebaut. Die Menschen leben weiterhin in Berlinoir, müssen sich aber mit den neuen Machtverhältnissen arrangieren. Dagegen formiert sich Widerstand. Aus dieser Ausgangslage entwickeln Tobias O. Meißner und Reinhard Kleist eine Mischung aus Vampirgeschichte, Thriller und politischer Dystopie.
Besonders interessant sind dabei die vielen Bezüge zur deutschen und vor allem zur Berliner Geschichte. „Berlinoir“ spielt nicht einfach in einer Vampirversion des heutigen Berlins. Die Autoren greifen unterschiedliche Epochen auf. Es gibt Anklänge an die Weimarer Zeit, später aber auch deutliche Parallelen zu Mauerbau und deutscher Teilung. Dadurch entsteht ein Berlin, das gleichzeitig vertraut und vollkommen fremd wirkt.
Man muss diese historischen Bezüge nicht alle erkennen, um der Handlung folgen zu können. Wer sich mit Berlin und seiner Geschichte auskennt, dürfte aber einiges wiedererkennen. Gerade das hat mir gefallen, weil die historischen Parallelen nicht nur im Hintergrund auftauchen, sondern immer wieder mit den politischen Entwicklungen in Berlinoir verbunden werden.
Dabei machen es sich Meißner und Kleist nicht so einfach, Menschen grundsätzlich als die Guten und Vampire als die Bösen darzustellen. Im Verlauf der Geschichte wechseln die Perspektiven und auch innerhalb der einzelnen Gruppen gibt es unterschiedliche Interessen. Figuren treffen Entscheidungen, die nicht immer eindeutig richtig oder falsch sind. Das macht die politischen Konflikte interessanter, sorgt aber auch dafür, dass man bei den verschiedenen Parteien und Entwicklungen etwas aufmerksamer lesen muss.
Überhaupt nimmt die Politik überraschend viel Platz ein. Wer bei „Vampire beherrschen Berlin“ vor allem einen Horror- oder Actioncomic erwartet, bekommt deutlich mehr Gespräche über Macht, Herrschaft und die Zukunft der Stadt. Meistens fand ich das interessant, an einigen Stellen zieht sich die politische Handlung allerdings etwas. Gerade im Mittelteil hätte die Geschichte für meinen Geschmack an manchen Stellen schneller vorankommen können.
Optisch spielt „Berlinoir“ dafür seine große Stärke aus. Reinhard Kleist zeichnet die Geschichte in Schwarz-Weiß und arbeitet stark mit Licht und Schatten. Besonders auffällig ist die Aufteilung der Seiten. Immer wieder gibt es sehr schmale, hohe Panels, die gut zu den Straßenschluchten und Hochhäusern dieser Version von Berlin passen. Daneben stehen größere Bilder, denen Kleist entsprechend mehr Raum gibt. Dadurch sehen die Seiten nicht ständig gleich aus.
Auch die Stadt selbst macht einiges her. Bekannte Berliner Architektur trifft auf Hochhäuser, Werbetafeln und natürlich jede Menge Fledermäuse. Dazu kommen Einflüsse, die an Fritz Langs „Metropolis“ und andere Filme der Weimarer Zeit erinnern. Das passt erstaunlich gut zum Vampirthema und gibt Berlinoir eine ziemlich eigene Optik.
Nicht jede Seite erreicht allerdings das Niveau der stärksten Bilder. Vereinzelt bleiben Hintergründe sehr leer, was gerade deshalb auffällt, weil Kleist die Stadt an anderer Stelle so detailliert und wirkungsvoll inszeniert. Insgesamt überwiegt für mich aber klar der positive Eindruck. Gerade die starken Hell-Dunkel-Kontraste passen hervorragend zu dieser düsteren Version Berlins.
Trotz der ernsten Geschichte gibt es zwischendurch immer wieder Humor und Seitenhiebe. Auch hier funktioniert für mich nicht alles gleich gut. Manche Anspielungen lockern die Geschichte angenehm auf, andere wirken etwas bemüht. Das ist aber eher eine Kleinigkeit und fällt bei der langen Geschichte nicht besonders schwer ins Gewicht.
Interessant ist natürlich auch die Frage, was die Neuausgabe von 2026 bietet. Schließlich ist „Berlinoir“ keine neue Geschichte. Die drei Teile „Scherbenmund“, „Mord!“ und „Narbenstadt“ erschienen ursprünglich zwischen 2003 und 2008 und wurden auch schon früher gemeinsam veröffentlicht. Die neue Carlsen-Ausgabe versammelt sie nun erneut in einem großformatigen Hardcover.
Dazu kommt ein umfangreicher Bonusbereich. Dort finden sich unter anderem Materialien zur Entstehungs- und Veröffentlichungsgeschichte, Kommentare, Skizzen und ein Begleittext von Tobias O. Meißner. Außerdem wird darauf eingegangen, wie sich das Berlin des Comics von der Interpretation in der Serienadaption „City of Blood“ unterscheidet bzw. nicht unterscheidet
Damit bietet die Neuausgabe zumindest mehr als nur ein neues Cover. Für Leser, die „Berlinoir“ noch nicht kennen, ist die Gesamtausgabe ohnehin eine gute Gelegenheit, alle drei Teile in einem Band zu lesen. Wer bereits eine ältere Gesamtausgabe besitzt, sollte dagegen selbst entscheiden, ob ihm das zusätzliche Material einen erneuten Kauf wert ist. Die eigentliche Comicgeschichte bleibt schließlich dieselbe.
FAZIT
„Berlinoir“ hat mir vor allem wegen seiner ungewöhnlichen Mischung gefallen. Die Idee eines von Vampiren beherrschten Berlins ist schon interessant, richtig spannend wird sie aber durch die politischen und historischen Bezüge. Nicht jede politische Passage hält dabei das gleiche Tempo und manche Anspielung funktioniert besser als andere. Die Neuausgabe ist vor allem für Leser interessant, die „Berlinoir“ bisher noch nicht kennen, denn hier bekommt man die komplette Geschichte zusammen mit zusätzlichem Material.
Copyright: Carlsen