Comic - Drama
Brodecks Bericht
„Brodecks Bericht“ ist keine leichte Kost. Schon die Ausgangssituation macht klar, wohin die Reise geht: Ein Fremder wird von den Bewohnern eines abgelegenen Dorfes ermordet und anschließend soll ausgerechnet Brodeck einen Bericht verfassen, der die Tat rechtfertigt. Was ist passiert? Warum musste dieser Mann sterben? Und vor allem: Was bringt eine ganze Dorfgemeinschaft dazu, gemeinsam einen Mord zu begehen?Die Graphic Novel basiert auf dem gleichnamigen Roman von Philippe Claudel und war Manu Larcenets erste Literaturadaption. In Deutschland erschien „Brodecks Bericht“ erstmals 2017 bei Reprodukt und wurde im selben Jahr von der Tagesspiegel-Jury zum Comic des Jahres gewählt. Nun hat Reprodukt das lange vergriffene Werk als Neuausgabe veröffentlicht. Diese umfasst 328 schwarzweiße Seiten und erscheint als großformatiges Hardcover.Wer Larcenets „Die Straße“ nach dem Roman von Cormac McCarthy kennt, weiß vielleicht schon ungefähr, was ihn zeichnerisch erwartet. Allerdings entstand „Brodecks Bericht“ deutlich früher. Und schon hier zeigt sich, wie gut Larcenet düstere Geschichten allein durch seine Bilder wirken lassen kann.
HANDLUNG
Es ist Winter kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Abseits von einem kleinen Dorf im deutsch-französischen Grenzgebiet lebt Brodeck. Als er eines Abends in das Wirtshaus geht, trifft er auf eine schauerliche Szene: Die Dorfgemeinschaft hat soeben kollektiv einen Fremden ermordet.Brodeck ist entsetzt, doch die Männer zwingen ihn, einen Bericht zu verfassen, der ihre Tat rechtfertigen soll. Widerwillig beginnt er zu schreiben. Je mehr er dabei über die Geschehnisse und die Menschen des Dorfes erfährt, desto gefährlicher wird seine eigene Situation.
KRITIK
Schon nach wenigen Seiten war für mich klar, dass „Brodecks Bericht“ kein Comic ist, den man mal eben nebenbei liest. Dafür ist die Geschichte zu düster und die Atmosphäre zu bedrückend. Larcenet lässt sich Zeit und erzählt nicht einfach nur die Geschichte eines Mordes. Stück für Stück erfahren wir mehr über Brodeck, das Dorf, den Fremden und darüber, was die Menschen dort erlebt und selbst getan haben.Besonders interessant ist dabei die Ausgangslage. Eigentlich soll Brodeck gar nicht herausfinden, was passiert ist. Die Täter stehen schließlich fest. Fast das gesamte Dorf war an dem Mord beteiligt. Seine Aufgabe besteht vielmehr darin, eine Version der Ereignisse aufzuschreiben, mit der die Dorfbewohner leben können. Genau daraus entsteht für mich ein großer Teil der Spannung. Brodeck soll etwas erklären und rechtfertigen, das er selbst nicht gutheißen kann.Gleichzeitig wird schnell deutlich, dass auch Brodeck eine Vergangenheit hat, die eng mit dem Krieg verbunden ist. Nach und nach kommen Erinnerungen und Erlebnisse zum Vorschein, durch die man besser versteht, warum er sich von den anderen Dorfbewohnern unterscheidet und weshalb ihn die Ereignisse so beschäftigen.Dabei geht es immer wieder um Schuld und Mitschuld. Wer trägt Verantwortung? Was passiert, wenn eine ganze Gemeinschaft an einer Tat beteiligt ist? Und was geschieht mit demjenigen, der nicht bereit ist, einfach dieselbe Geschichte zu erzählen wie alle anderen? Das sind Fragen, die sich durch die gesamte Graphic Novel ziehen. Auch die Jury des Max-und-Moritz-Preises hob bei ihrer Nominierung genau diese Themen hervor: Schuld, Mitschuld, Angst und die Unfähigkeit der Menschen, zu den eigenen Taten zu stehen.Eine wichtige Rolle spielt außerdem der Fremde. Schon seine Anwesenheit bringt Unruhe in die eingeschworene Gemeinschaft. Er beobachtet die Menschen, zeichnet und hält ihnen damit auf seine Weise einen Spiegel vor. Nach und nach wird klarer, weshalb die Stimmung ihm gegenüber immer feindseliger wird. Fremdenfeindlichkeit, Angst und die Suche nach einem Schuldigen spielen dabei eine zentrale Rolle.Mindestens genauso wichtig wie die Geschichte sind für mich aber die Zeichnungen. „Brodecks Bericht“ ist komplett in Schwarzweiß gehalten und Larcenet nutzt diesen Verzicht auf Farbe konsequent. Tiefe schwarze Flächen treffen auf hartes Weiß, dazwischen arbeitet er mit Schraffuren und teilweise fast zerkratzten Flächen. Gerade die Gesichter der Dorfbewohner bleiben im Gedächtnis. Sie wirken hart, verbraucht und teilweise regelrecht unheimlich.Der Tagesspiegel beschrieb damals sehr treffend, wie Larcenet mit tiefschwarzer Tusche und dem starken Kontrast zu weißen Flächen seinen Schauplatz erschafft. Genau das ist auch für mich eine der großen Stärken des Comics. Manche Seiten brauchen kaum Text, weil die Bilder allein schon genug erzählen.Das breite Format kommt Larcenets Zeichenstil zusätzlich entgegen. Besonders bei den Landschaften kann er sich richtig austoben. Verschneite Berge, Wälder und weite Flächen nehmen teilweise einen großen Teil der Seite ein, während die Menschen darin geradezu winzig wirken. Diese Bilder gehören für mich zu den stärksten Momenten des gesamten Comics.Überhaupt spielt die Natur eine erstaunlich große Rolle. Sie ist ständig präsent und steht in einem interessanten Gegensatz zu den Menschen im Dorf. Während dort Misstrauen, Angst und Gewalt herrschen, begegnet Brodeck außerhalb des Dorfes immer wieder einer ganz anderen Welt. Larcenet nimmt sich dafür teilweise ganze Seiten Zeit und verzichtet stellenweise sogar vollständig auf Dialoge.Das bedeutet allerdings auch, dass man sich auf das Erzähltempo einlassen muss. „Brodecks Bericht“ ist kein schneller Thriller, bei dem eine Wendung die nächste jagt. Die Geschichte entwickelt sich langsam und springt zwischen unterschiedlichen Zeitebenen und Erinnerungen. Gerade am Anfang musste ich mich erst einmal darauf einstellen.Mit der Zeit hat mich genau diese Erzählweise aber immer stärker gepackt. Denn je mehr man über Brodeck und die Vergangenheit des Dorfes erfährt, desto unangenehmer wird die Geschichte. Dabei zeigt Larcenet Gewalt nicht einfach nur um des Schocks willen. Vieles entsteht durch das, was die Figuren erzählen, verschweigen oder auf den Bildern nur angedeutet wird.Ganz ohne Kritik bin ich allerdings nicht. Die Geschichte ist schwer, teilweise sehr langsam und verlangt Aufmerksamkeit. Wer einen klassischen Spannungscomic erwartet, dürfte hier falsch sein. Auch die konsequent düstere Stimmung kann auf Dauer anstrengend werden. Für mich passt das allerdings zur Geschichte und gerade deshalb haben einige Szenen noch lange nach der letzten Seite nachgewirkt.Dass „Brodecks Bericht“ 2017 vom Tagesspiegel zum Comic des Jahres gewählt wurde, kann ich nach der Lektüre jedenfalls gut nachvollziehen. Vor allem zeichnerisch ist das Werk beeindruckend. Larcenet schafft es, mit Schwarz und Weiß eine Atmosphäre aufzubauen, die teilweise unangenehmer wirkt als eine explizite Gewaltdarstellung. Es ist kein schöner Comic im klassischen Sinne – aber einer, bei dessen Bildern ich immer wieder hängen geblieben bin.
FAZIT
„Brodecks Bericht“ ist düster, langsam und stellenweise ziemlich unangenehm. Genau darin liegt für mich aber auch seine Stärke. Manu Larcenet erzählt nicht einfach nur von einem Mord, sondern beschäftigt sich mit Schuld, Mitschuld, Angst und der Frage, wie weit Menschen gehen, um die eigenen Taten vor sich selbst zu rechtfertigen. Besonders stark sind die Schwarzweiß-Zeichnungen und die teilweise wortlosen Passagen. Man muss sich auf das ruhige Erzähltempo und die schwere Thematik einlassen. Wer das tut, bekommt eine Graphic Novel, die vor allem durch ihre Atmosphäre und ihre Bilder noch lange im Kopf bleibt.
Copyright: Reprodukt
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HANDLUNG
Es ist Winter kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Abseits von einem kleinen Dorf im deutsch-französischen Grenzgebiet lebt Brodeck. Als er eines Abends in das Wirtshaus geht, trifft er auf eine schauerliche Szene: Die Dorfgemeinschaft hat soeben kollektiv einen Fremden ermordet.Brodeck ist entsetzt, doch die Männer zwingen ihn, einen Bericht zu verfassen, der ihre Tat rechtfertigen soll. Widerwillig beginnt er zu schreiben. Je mehr er dabei über die Geschehnisse und die Menschen des Dorfes erfährt, desto gefährlicher wird seine eigene Situation.
KRITIK
Schon nach wenigen Seiten war für mich klar, dass „Brodecks Bericht“ kein Comic ist, den man mal eben nebenbei liest. Dafür ist die Geschichte zu düster und die Atmosphäre zu bedrückend. Larcenet lässt sich Zeit und erzählt nicht einfach nur die Geschichte eines Mordes. Stück für Stück erfahren wir mehr über Brodeck, das Dorf, den Fremden und darüber, was die Menschen dort erlebt und selbst getan haben.Besonders interessant ist dabei die Ausgangslage. Eigentlich soll Brodeck gar nicht herausfinden, was passiert ist. Die Täter stehen schließlich fest. Fast das gesamte Dorf war an dem Mord beteiligt. Seine Aufgabe besteht vielmehr darin, eine Version der Ereignisse aufzuschreiben, mit der die Dorfbewohner leben können. Genau daraus entsteht für mich ein großer Teil der Spannung. Brodeck soll etwas erklären und rechtfertigen, das er selbst nicht gutheißen kann.Gleichzeitig wird schnell deutlich, dass auch Brodeck eine Vergangenheit hat, die eng mit dem Krieg verbunden ist. Nach und nach kommen Erinnerungen und Erlebnisse zum Vorschein, durch die man besser versteht, warum er sich von den anderen Dorfbewohnern unterscheidet und weshalb ihn die Ereignisse so beschäftigen.Dabei geht es immer wieder um Schuld und Mitschuld. Wer trägt Verantwortung? Was passiert, wenn eine ganze Gemeinschaft an einer Tat beteiligt ist? Und was geschieht mit demjenigen, der nicht bereit ist, einfach dieselbe Geschichte zu erzählen wie alle anderen? Das sind Fragen, die sich durch die gesamte Graphic Novel ziehen. Auch die Jury des Max-und-Moritz-Preises hob bei ihrer Nominierung genau diese Themen hervor: Schuld, Mitschuld, Angst und die Unfähigkeit der Menschen, zu den eigenen Taten zu stehen.Eine wichtige Rolle spielt außerdem der Fremde. Schon seine Anwesenheit bringt Unruhe in die eingeschworene Gemeinschaft. Er beobachtet die Menschen, zeichnet und hält ihnen damit auf seine Weise einen Spiegel vor. Nach und nach wird klarer, weshalb die Stimmung ihm gegenüber immer feindseliger wird. Fremdenfeindlichkeit, Angst und die Suche nach einem Schuldigen spielen dabei eine zentrale Rolle.Mindestens genauso wichtig wie die Geschichte sind für mich aber die Zeichnungen. „Brodecks Bericht“ ist komplett in Schwarzweiß gehalten und Larcenet nutzt diesen Verzicht auf Farbe konsequent. Tiefe schwarze Flächen treffen auf hartes Weiß, dazwischen arbeitet er mit Schraffuren und teilweise fast zerkratzten Flächen. Gerade die Gesichter der Dorfbewohner bleiben im Gedächtnis. Sie wirken hart, verbraucht und teilweise regelrecht unheimlich.Der Tagesspiegel beschrieb damals sehr treffend, wie Larcenet mit tiefschwarzer Tusche und dem starken Kontrast zu weißen Flächen seinen Schauplatz erschafft. Genau das ist auch für mich eine der großen Stärken des Comics. Manche Seiten brauchen kaum Text, weil die Bilder allein schon genug erzählen.Das breite Format kommt Larcenets Zeichenstil zusätzlich entgegen. Besonders bei den Landschaften kann er sich richtig austoben. Verschneite Berge, Wälder und weite Flächen nehmen teilweise einen großen Teil der Seite ein, während die Menschen darin geradezu winzig wirken. Diese Bilder gehören für mich zu den stärksten Momenten des gesamten Comics.Überhaupt spielt die Natur eine erstaunlich große Rolle. Sie ist ständig präsent und steht in einem interessanten Gegensatz zu den Menschen im Dorf. Während dort Misstrauen, Angst und Gewalt herrschen, begegnet Brodeck außerhalb des Dorfes immer wieder einer ganz anderen Welt. Larcenet nimmt sich dafür teilweise ganze Seiten Zeit und verzichtet stellenweise sogar vollständig auf Dialoge.Das bedeutet allerdings auch, dass man sich auf das Erzähltempo einlassen muss. „Brodecks Bericht“ ist kein schneller Thriller, bei dem eine Wendung die nächste jagt. Die Geschichte entwickelt sich langsam und springt zwischen unterschiedlichen Zeitebenen und Erinnerungen. Gerade am Anfang musste ich mich erst einmal darauf einstellen.Mit der Zeit hat mich genau diese Erzählweise aber immer stärker gepackt. Denn je mehr man über Brodeck und die Vergangenheit des Dorfes erfährt, desto unangenehmer wird die Geschichte. Dabei zeigt Larcenet Gewalt nicht einfach nur um des Schocks willen. Vieles entsteht durch das, was die Figuren erzählen, verschweigen oder auf den Bildern nur angedeutet wird.Ganz ohne Kritik bin ich allerdings nicht. Die Geschichte ist schwer, teilweise sehr langsam und verlangt Aufmerksamkeit. Wer einen klassischen Spannungscomic erwartet, dürfte hier falsch sein. Auch die konsequent düstere Stimmung kann auf Dauer anstrengend werden. Für mich passt das allerdings zur Geschichte und gerade deshalb haben einige Szenen noch lange nach der letzten Seite nachgewirkt.Dass „Brodecks Bericht“ 2017 vom Tagesspiegel zum Comic des Jahres gewählt wurde, kann ich nach der Lektüre jedenfalls gut nachvollziehen. Vor allem zeichnerisch ist das Werk beeindruckend. Larcenet schafft es, mit Schwarz und Weiß eine Atmosphäre aufzubauen, die teilweise unangenehmer wirkt als eine explizite Gewaltdarstellung. Es ist kein schöner Comic im klassischen Sinne – aber einer, bei dessen Bildern ich immer wieder hängen geblieben bin.
FAZIT
„Brodecks Bericht“ ist düster, langsam und stellenweise ziemlich unangenehm. Genau darin liegt für mich aber auch seine Stärke. Manu Larcenet erzählt nicht einfach nur von einem Mord, sondern beschäftigt sich mit Schuld, Mitschuld, Angst und der Frage, wie weit Menschen gehen, um die eigenen Taten vor sich selbst zu rechtfertigen. Besonders stark sind die Schwarzweiß-Zeichnungen und die teilweise wortlosen Passagen. Man muss sich auf das ruhige Erzähltempo und die schwere Thematik einlassen. Wer das tut, bekommt eine Graphic Novel, die vor allem durch ihre Atmosphäre und ihre Bilder noch lange im Kopf bleibt.
Copyright: Reprodukt