Comic - Drama

Der alltägliche Kampf – Gesamtausgabe

Veröffentlicht am 19.08.2026
4/5
Der alltägliche Kampf – Gesamtausgabe
EINLEITUNG

Manchmal braucht ein Comic gar keine große fantastische Welt, keine Superhelden und auch kein riesiges Abenteuer. Manchmal reicht tatsächlich ein ziemlich normales Leben. Genau darum geht es in Manu Larcenets „Der alltägliche Kampf“. Wir begleiten Marco, einen Fotografen, der mit seinem bisherigen Leben nicht mehr wirklich glücklich ist und sich aufs Land zurückzieht. Dort verschwinden seine Probleme allerdings nicht einfach. Ganz im Gegenteil.„Der alltägliche Kampf“ erschien ursprünglich in vier Bänden und liegt bei Reprodukt nun in einer neuen Hardcover-Gesamtausgabe vor. Diese umfasst 252 farbige Seiten. Dass der Comic schon etwas länger auf dem Buckel hat, merkt man ihm dabei kaum an. Viele der Dinge, mit denen Marco kämpft, funktionieren heute noch genauso gut: Familie, Beziehungen, Arbeit, Zukunftsängste und vor allem die Frage, was man eigentlich mit seinem Leben anfangen möchte.Hinter dem Comic steckt Manu Larcenet, der bereits seit den 1990er-Jahren als Comiczeichner und Autor arbeitet. 1994 kam er zu „Fluide Glacial“, später arbeitete er unter anderem für „Spirou“ und Dargaud. „Der alltägliche Kampf“ gehört zu seinen bekanntesten Werken. Das erste Album wurde 2004 beim Comicfestival in Angoulême als bestes Album ausgezeichnet. Nach der Lektüre der Gesamtausgabe kann ich ziemlich gut verstehen, warum.

HANDLUNG

Marco ist Fotograf, hat aber keine Lust mehr auf sein bisheriges Berufsleben. Er zieht sich aufs Land zurück und versucht dort irgendwie herauszufinden, wie es weitergehen soll. Ganz allein ist er dabei allerdings nicht. Er lernt die Tierärztin Emilie kennen, besucht seine Eltern und verbringt Zeit mit seinem Bruder Georges.Doch Marco trägt auch einiges mit sich herum. Er leidet unter Angstattacken, hadert mit seiner Arbeit und muss sich immer wieder mit Veränderungen auseinandersetzen, die ihm eigentlich gar nicht gefallen. Nach und nach wird aus seinem vermeintlichen Neuanfang eine Geschichte über Familie, Liebe, Verlust, Arbeit und die nicht ganz einfache Suche nach dem eigenen Platz im Leben.

KRITIK

Wenn ich die Geschichte von „Der alltägliche Kampf“ einfach nur zusammenfasse, klingt das zunächst gar nicht besonders aufregend. Ein Fotograf hat keine Lust mehr auf seinen Job, zieht aufs Land, lernt eine Frau kennen und versucht, sein Leben auf die Reihe zu bekommen. Das war es im Grunde schon. Und trotzdem funktioniert dieser Comic erstaunlich gut.Vielleicht liegt es sogar genau daran. Marco ist kein Held und er muss auch nicht die Welt retten. Er hat Probleme, die erst einmal ziemlich gewöhnlich wirken. Er ist unsicher, bekommt Angstattacken, weiß nicht genau, wie es beruflich weitergehen soll und tut sich mit Veränderungen schwer. Gleichzeitig verliebt er sich in Emilie, muss sich mit seiner Familie beschäftigen und merkt langsam, dass man bestimmte Dinge im Leben eben nicht einfach anhalten kann.Gerade Marco fand ich dabei interessant, weil er nicht immer sympathisch sein muss. Er trifft Entscheidungen, bei denen man sich durchaus fragt, warum er sich das Leben gerade selbst so schwer macht. Manchmal würde man ihn am liebsten ein wenig schütteln. Dann gibt es wieder Momente, in denen ich seine Reaktion ziemlich gut nachvollziehen konnte. Genau dadurch wirkt er für mich glaubwürdig. Larcenet versucht nicht, aus ihm einen besonders tragischen oder bewundernswerten Menschen zu machen. Marco ist einfach Marco – mit ziemlich vielen Macken.Das gilt auch für seine Beziehung zu Emilie. Hier läuft eben nicht alles nach dem klassischen Schema ab: kennenlernen, verlieben und glücklich sein. Marco möchte Nähe und bekommt gleichzeitig Angst vor den Veränderungen, die damit verbunden sind. Diese Widersprüche ziehen sich durch viele Bereiche seines Lebens. Er möchte etwas verändern, hängt aber gleichzeitig am Bekannten. Er sucht Ruhe und muss trotzdem feststellen, dass sich die eigenen Probleme nicht dadurch erledigen, dass man aufs Land zieht.Dabei wird „Der alltägliche Kampf“ aber nie zu einer einzigen großen Therapiesitzung. Dafür besitzt Larcenet viel zu viel Humor. Zwischen den ernsten Momenten gibt es immer wieder Situationen, über die ich lachen oder zumindest schmunzeln musste. Gerade das Zusammenspiel mit seinem Bruder, seiner Familie und den Menschen in seiner neuen Umgebung lockert die Geschichte auf. Der Comic kann innerhalb weniger Seiten ziemlich lustig und anschließend wieder überraschend traurig werden, ohne dass sich dieser Wechsel für mich künstlich angefühlt hat.Mit der Zeit werden die Themen allerdings deutlich ernster. Marcos Verhältnis zu seinen Eltern spielt eine immer größere Rolle. Auch die Werft, auf der sein Vater gearbeitet hat, wird wichtig. Marco beginnt dort ein Fotoprojekt über die Arbeiter und beschäftigt sich dadurch nicht nur mit seiner eigenen Familie, sondern auch mit Veränderungen in der Arbeitswelt. Später kommen politische und gesellschaftliche Fragen hinzu. Das Schöne daran ist für mich, dass diese Themen nicht plötzlich wie ein Fremdkörper in der Geschichte stehen. Sie gehören zu Marcos Leben und entwickeln sich aus den Menschen, denen er begegnet.Überhaupt verändert sich die Geschichte über die vier ursprünglichen Bände hinweg ziemlich stark. Es vergeht Zeit, Beziehungen entwickeln sich weiter und Marco muss sich mit Dingen beschäftigen, die er zu Beginn vermutlich am liebsten komplett verdrängt hätte. Genau dadurch hat die Gesamtausgabe für mich einen besonderen Reiz. Man liest nicht nur einzelne Episoden aus seinem Leben, sondern begleitet ihn über einen längeren Zeitraum und sieht tatsächlich, wie sich sein Alltag verändert.Sehr gut gefallen haben mir auch die Zeichnungen. Larcenets Figuren wirken auf den ersten Blick fast ein wenig knubbelig und karikaturenhaft. Gerade deshalb hatte ich zunächst gar nicht erwartet, wie gut der Stil auch in den ernsteren Szenen funktioniert. Besonders Marcos Gesicht verrät oft schon genug, ohne dass noch viel Text nötig wäre.Interessant ist außerdem, dass der Zeichenstil über die Geschichte hinweg nicht vollkommen gleich bleibt. Er wird im Verlauf rauer und skizzenhafter. Auch andere Kritiker haben diese Entwicklung bereits bei der ursprünglichen Veröffentlichung der vier Bände hervorgehoben. Gerade wenn man die komplette Geschichte am Stück in einer Gesamtausgabe liest, fällt diese Veränderung schön auf.Daneben gibt es immer wieder Passagen, in denen Larcenet grafisch aus dem normalen Erzählstil ausbricht. Besonders Marcos Angstzustände werden deutlich anders dargestellt als sein gewöhnlicher Alltag. An solchen Stellen merkt man, wie viel die Zeichnungen erzählen können, ohne dass Larcenet alles erklären muss.Was man allerdings wissen sollte: Wer eine Geschichte mit einem klaren großen Ziel und ständig neuen Höhepunkten erwartet, könnte mit „Der alltägliche Kampf“ zunächst Schwierigkeiten haben. Hier geht es tatsächlich um Alltag. Manche Gespräche führen zu keiner großen Enthüllung und nicht jedes Problem bekommt eine perfekte Lösung. Das Tempo ist entsprechend ruhig.Mich hat das nach kurzer Eingewöhnung aber überhaupt nicht mehr gestört. Im Gegenteil: Gerade diese kleinen Situationen sind am Ende das, woran ich mich erinnere. Ein Gespräch mit den Eltern, ein Streit mit Emilie, Zeit mit seinem Bruder oder Marcos Begegnungen mit den Arbeitern der Werft wirken zunächst unspektakulär und bekommen später teilweise eine ganz andere Bedeutung.Und wahrscheinlich passt genau deshalb der Titel so gut. Marcos Kampf ist kein großes Abenteuer. Es ist tatsächlich der alltägliche Kampf mit Arbeit, Beziehungen, Familie, Angst, Verlust und der Tatsache, dass das Leben weitergeht, auch wenn man selbst manchmal gerne auf Pause drücken würde.

FAZIT

„Der alltägliche Kampf“ hat mich vor allem deshalb überzeugt, weil die Geschichte gar nicht versucht, größer zu sein, als sie ist. Manu Larcenet erzählt von einem ziemlich normalen Menschen mit ziemlich normalen Problemen – und genau daraus entsteht etwas Besonderes. Mal ist das lustig, mal traurig und manchmal auch unangenehm nah am echten Leben. Nicht jeder wird mit dem ruhigen Tempo sofort etwas anfangen können. Wer sich aber auf Marco und seinen Alltag einlässt, bekommt eine Geschichte, die über ihre vier ursprünglichen Bände hinweg immer mehr wächst. Die neue Hardcover-Gesamtausgabe ist für mich eine schöne Gelegenheit, diesen modernen Comic-Klassiker komplett zu entdecken.


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