Comic - Drama

Der Mann meines Bruders Band 1: Die Invasion des Fremden

Veröffentlicht am 30.11.-0001
Der Mann meines Bruders Band 1: Die Invasion des Fremden
Der Mann meines Bruders Band 1: Die Invasion des FremdenComic - Drama | mit: Autor: Gengoroh Tagame; übersetzt von Sakura IlgertBewertung:★★★★★ Der Stonewall-Aufstand am 28. Juni 1969 markiert den Anfang der modernen LGBTQ-Bewegung im westlichen Teil der Welt und seit den 1970er Jahren feiert man immer im Juni den „Pride Month“. In Deutschland wird im Rahmen des Christopher Street Day (die Straße, wo sich die Bar Stonewall noch heute befindet) gefeiert, demonstriert und an den Stonewall-Aufstand gedacht. Wie sieht aber der Alltag von LGBTQ-Menschen in anderen Teilen der Welt aus? Mit dem Manga „Der Mann meines Bruders“ will Autor und Zeichner Gengoroh Tagame den Japanern Homosexualität und gleichgeschlechtige Liebe näherbringen und zum Gesprächsthema machen. Handlung Der überraschende Besuch von Onkel Mike in dem beschaulichen japanischen Städtchen entzückt seine Nichte Kana, wirft den alleinerziehenden Vater Yaichi aber vollends aus den wohlgeordneten Bahnen seines Lebens. Denn der Kanadier Mike Flanagan ist der hinterbliebene Ehemann von Yaichis verstorbenen Zwillingsbruder Ryoji, der als Erwachsener die Akzeptanz seiner Sexualität im Ausland suchte. Mike will mit seinem Besuch endlich die japanische Verwandtschaft kennenlernen und seine Trauer um Ryoji teilen, während Yaichi sich gedanklich seinem Zwillingsbruder erst wieder annähern muss. BewertungDer Zusammenprall der Kulturen wird in „Der Mann meines Bruders“ echt schön dargestellt. Denn einerseits treffen Ost und West – Kanada und Japan um genauer zu sein – in Gestalt von Mike, Yaichi und seine Tochter Kana aufeinander. Mike ist offen und scheut nicht davor, mit Menschen in Kontakt zu treten – wortwörtlich, denn schon bei ihrer ersten Begegnung umarmt Mike Yaichi und auch im Verlauf der Geschichte bringt Mike Kana bei, was ein „Hug“ bedeutet. Andererseits muss Yaichi sich mit der Homosexualität seines verstorbenen Bruders auseinandersetzen. Ein Thema, das Yaichi sehr lange einfach ignoriert hat. Das kann er aber nicht mehr, da es in Gestalt eines riesigen, behaarten Typen vor ihm steht und Gast in seinem Haus ist.
Die Geschichte trabt langsam vor sich hin und lässt dem Leser viel Zeit, mit den Figuren warm zu werden. Nach und nach fängt Yaichi damit an, sich an diese neue Situation zu gewöhnen. Aber vor allem am Anfang hat er große Schwierigkeiten, den Kanadier anzunehmen. Da gibt es sehr lustige Stellen, in denen Yaichis Gedanken der Realität gegenübergestellt werden. Beispielsweise will er nicht, dass Mike bei ihm Zuhause übernachtet und in seinen Gedanken schreit er ihn an, was ihm einfallen würde. In der Realität reagiert Yaichi zurückhaltender und willigt höflich ein.
Dass Yaichi sich überhaupt mit Mike – und dadurch auch mit seinem verstorbenen Bruder – auseinandersetzen muss, liegt vor allem an Yaichis Tochter Kana. Die Grundschülerin stellt mit ihren naiven Fragen Yaichis festgefahrene Ansichten auf den Kopf. Warum durfte der Cousin bei ihnen übernachten und Mike, ihr Onkel, nicht? Dürfen in Japan Männer Männer heiraten? Können in Kanada auch zwei Frauen heiraten? Wenn man jetzt ganz literaturwissenschaftlich an eine Interpretation von „Der Mann meines Bruders“ herangehen würde, dann könnte man Kana mit einer neuen Generation gleichsetzen, die die konservative – und homophobe – ältere Gesellschaft hinterfragt und diese langsam, aber sicher wandelt.
Aber nicht nur innerhalb der Geschichte um Yaichi, Mike und Kana bringt der Autor und Zeichner Gengoroh Tagame das Thema Homosexualität zur Sprache. Zwischen den Kapiteln streut er hier und da kleine Blöcke, die dem er dem Leser verschiedene Informationen bietet. Im ersten geht er auf das rosa Dreieck, das auf Mikes T-Shirt im Cover des Mangas zu sehen ist, ein und wie dieses vom Symbol der Unterdrückung und Verfolgung im Dritten Reich zu einem Symbol des Kampfs um Gleichberechtigung und Akzeptanz wurde. Im zweiten erzählt Tagame kompakt die Geschichte der gleichgeschlechtlichen Ehe auf der ganzen Welt.
Insgesamt schafft es „Der Mann meines Bruders“ sehr schön und unaufgeregt seine Geschichte zu erzählen. Was mir aber nicht so ganz gefällt ist das Figurendesign von Yaichi. Das Muskelpaket passt meiner Meinung nach nicht so sehr zum Hausmann, der den Haushalt schmeißt und die Tochter umsorgt. Wenn man sehen würde, dass er auch regelmäßig ins Fitnessstudio geht oder, wenn er selbst sagen würde, dass er etwa Bodybuilder ist, oder irgendwas in die Richtung… So aber wirkt das Charakterdesign etwas fehl am Platz. Das ist aber auch nur ein kleines Haar in der Suppe, denn sonst ist der Zeichenstil echt schön. Yaichis Haus sieht bewohnt aus und auch von der Gegend, in der sie wohnen, bekommt man einen guten Eindruck. Was mir aber vor allem gefällt, ist, dass es keine übertriebenen, Manga-typischen Reaktionen der Figuren gibt. Zwar findet man hier und da Manga-Elemente – ist ja auch ein Manga, duh –, aber diese sind dezent eingebracht, sodass auch Leute, die nichts mit Mangas am Hut haben, mit „Der Mann meines Bruders“ in die japanischen Comics gut eingeführt werden. Fazit Mir hat „Der Mann meines Bruders“ sehr gut gefallen. Gengoroh Tagame schafft es sehr gut eine Geschichte über Akzeptanz zu erzählen, die auch in Deutschland wichtig ist. Ich finde den langsamen Erzählrhythmus sehr passend, da man Zeit hat, die Figuren kennenzulernen. Aber, obwohl mir der Zeichenstil sehr gut gefallen hat, finde ich die Figur Yaichi sehr übertrieben muskulös gezeichnet. Ich würde aber trotzdem den Manga sehr empfehlen, auch wenn man vielleicht nichts mit Mangas anfangen kann.
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