Comic - Geschichte
Die Bombe
EINLEITUNG
Geschichtsbücher über die Entwicklung der Atombombe gibt es viele. Eine Graphic Novel mit fast 450 Seiten zu diesem Thema dagegen eher selten. Genau diesen Weg gehen Alcante, Laurent-Frédéric Bollée und Denis Rodier mit „Die Bombe“. Das Werk erschien ursprünglich 2020 als Hardcover und liegt nun als Paperback neu vor. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht nur die Abwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, sondern vor allem die Jahre davor: wissenschaftliche Entdeckungen, politische Entscheidungen und die Menschen, die an einem der folgenreichsten Projekte der Geschichte beteiligt waren.Wer eine klassische Graphic Novel mit einer klaren Hauptfigur erwartet, sollte seine Erwartungen etwas anpassen. „Die Bombe“ erzählt keine einzelne Heldengeschichte, sondern versucht, die Entstehung der Atombombe aus möglichst vielen Blickwinkeln nachzuzeichnen.
HANDLUNG
Am 6. August 1945 wurde über Hiroshima die erste Atombombe abgeworfen. Rund 90.000 Menschen starben sofort, weitere 50.000 innerhalb der folgenden Wochen. Am 9. August fiel die zweite Bombe auf Nagasaki und tötete weitere 80.000 Menschen.Die Graphic Novel erzählt auf rund 450 Seiten die Vorgeschichte dieser Ereignisse. Im Mittelpunkt stehen Politiker wie Franklin D. Roosevelt und Harry S. Truman ebenso wie Wissenschaftler wie Albert Einstein, J. Robert Oppenheimer oder Leó Szilárd. Schritt für Schritt zeigt das Buch, wie wissenschaftliche Erkenntnisse, politische Entscheidungen und militärische Interessen schließlich zum Bau und Einsatz der ersten Atombombe führten.
KRITIK
Schon nach den ersten Seiten wird klar, dass „Die Bombe“ keine leichte Lektüre ist. Nicht wegen besonders drastischer Bilder, sondern weil die Geschichte unglaublich viele Personen, Orte und historische Ereignisse miteinander verbindet. Gerade am Anfang musste ich mich deshalb erst einmal orientieren. Wer sich darauf einlässt, wird aber mit einer beeindruckend recherchierten Erzählung belohnt.Gut gefallen hat mir, dass sich die Graphic Novel nicht auf einzelne bekannte Namen beschränkt. Natürlich spielen Einstein, Oppenheimer, Roosevelt oder Truman wichtige Rollen. Gleichzeitig rücken aber auch Wissenschaftler und Militärs in den Mittelpunkt, die vielen Lesern vermutlich weniger bekannt sind. Dadurch entsteht ein deutlich umfassenderes Bild davon, wie komplex die Entwicklung der Atombombe tatsächlich war.Besonders interessant fand ich die Darstellung von Leó Szilárd. Er gehörte zu den Wissenschaftlern, die früh vor einem möglichen deutschen Atomprogramm warnten und die Entwicklung der Bombe unterstützten. Später versuchte er jedoch, ihren Einsatz gegen Japan zu verhindern. Diese Entwicklung macht deutlich, wie unterschiedlich selbst die beteiligten Wissenschaftler die Folgen ihrer Arbeit einschätzten.Die Geschichte setzt dabei weniger auf große Dramatik als auf eine ruhige und chronologische Erzählweise. Statt spektakulärer Actionszenen stehen Gespräche, politische Entscheidungen und wissenschaftliche Entwicklungen im Mittelpunkt. Das sorgt zwar dafür, dass sich manche Abschnitte eher wie ein historischer Bericht lesen, gleichzeitig hilft dieser Aufbau aber dabei, die vielen Zusammenhänge besser zu verstehen.Auch zeichnerisch hat mich „Die Bombe“ überzeugt. Denis Rodier arbeitet ausschließlich mit Schwarzweiß-Zeichnungen und nutzt starke Kontraste, um den verschiedenen Schauplätzen einen ganz eigenen Charakter zu geben. Egal ob Labore, Besprechungsräume oder militärische Einrichtungen – alles wirkt detailliert und glaubwürdig. Trotz der großen Zahl an Figuren hatte ich außerdem nur selten Probleme, die wichtigsten Personen auseinanderzuhalten.Besonders gelungen fand ich, dass die Zeichnungen nie versuchen, die Ereignisse unnötig zu dramatisieren. Sie konzentrieren sich auf die Menschen und ihre Entscheidungen. Gerade dadurch entfalten viele Szenen ihre Wirkung, ohne dass ständig große Worte oder spektakuläre Bilder nötig wären.Natürlich bringt der Umfang auch seine Herausforderungen mit sich. Knapp 450 Seiten voller historischer Ereignisse verlangen Aufmerksamkeit. Wer einen schnellen Spannungscomic sucht, dürfte hier wahrscheinlich nicht glücklich werden. Die Geschichte nimmt sich Zeit und setzt voraus, dass man bereit ist, sich auf die vielen Zusammenhänge einzulassen.Umso eindrucksvoller sind dafür die letzten Kapitel. Nachdem man über viele Seiten hinweg verfolgt hat, wie Forschung, Politik und Militär aufeinander einwirken, erreichen die Ereignisse schließlich Hiroshima und Nagasaki. Gerade weil die Graphic Novel zuvor so ausführlich erzählt, bekommen diese letzten Seiten ein besonderes Gewicht.Für mich liegt genau darin die größte Stärke des Buches. „Die Bombe“ erklärt nicht nur, was passiert ist, sondern zeigt auch, wie viele Entscheidungen und Entwicklungen letztlich zu den Ereignissen im August 1945 geführt haben. Dadurch versteht man die historischen Zusammenhänge deutlich besser, als es eine reine Nacherzählung der Bombenabwürfe leisten könnte.
FAZIT
„Die Bombe“ ist keine Graphic Novel, die man an einem Abend verschlingt. Dafür ist das Thema zu komplex und der Umfang zu groß. Wer sich jedoch für Geschichte interessiert und bereit ist, sich auf die vielen wissenschaftlichen und politischen Hintergründe einzulassen, bekommt ein hervorragend recherchiertes Werk mit starken Schwarzweiß-Zeichnungen. Gerade weil sich die Autoren Zeit für die Vorgeschichte nehmen, hinterlassen die letzten Kapitel einen bleibenden Eindruck. Für mich gehört „Die Bombe“ zu den interessantesten historischen Graphic Novels, die ich in den letzten Jahren gelesen habe.
Copyright: Carlsen
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Geschichtsbücher über die Entwicklung der Atombombe gibt es viele. Eine Graphic Novel mit fast 450 Seiten zu diesem Thema dagegen eher selten. Genau diesen Weg gehen Alcante, Laurent-Frédéric Bollée und Denis Rodier mit „Die Bombe“. Das Werk erschien ursprünglich 2020 als Hardcover und liegt nun als Paperback neu vor. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht nur die Abwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, sondern vor allem die Jahre davor: wissenschaftliche Entdeckungen, politische Entscheidungen und die Menschen, die an einem der folgenreichsten Projekte der Geschichte beteiligt waren.Wer eine klassische Graphic Novel mit einer klaren Hauptfigur erwartet, sollte seine Erwartungen etwas anpassen. „Die Bombe“ erzählt keine einzelne Heldengeschichte, sondern versucht, die Entstehung der Atombombe aus möglichst vielen Blickwinkeln nachzuzeichnen.
HANDLUNG
Am 6. August 1945 wurde über Hiroshima die erste Atombombe abgeworfen. Rund 90.000 Menschen starben sofort, weitere 50.000 innerhalb der folgenden Wochen. Am 9. August fiel die zweite Bombe auf Nagasaki und tötete weitere 80.000 Menschen.Die Graphic Novel erzählt auf rund 450 Seiten die Vorgeschichte dieser Ereignisse. Im Mittelpunkt stehen Politiker wie Franklin D. Roosevelt und Harry S. Truman ebenso wie Wissenschaftler wie Albert Einstein, J. Robert Oppenheimer oder Leó Szilárd. Schritt für Schritt zeigt das Buch, wie wissenschaftliche Erkenntnisse, politische Entscheidungen und militärische Interessen schließlich zum Bau und Einsatz der ersten Atombombe führten.
KRITIK
Schon nach den ersten Seiten wird klar, dass „Die Bombe“ keine leichte Lektüre ist. Nicht wegen besonders drastischer Bilder, sondern weil die Geschichte unglaublich viele Personen, Orte und historische Ereignisse miteinander verbindet. Gerade am Anfang musste ich mich deshalb erst einmal orientieren. Wer sich darauf einlässt, wird aber mit einer beeindruckend recherchierten Erzählung belohnt.Gut gefallen hat mir, dass sich die Graphic Novel nicht auf einzelne bekannte Namen beschränkt. Natürlich spielen Einstein, Oppenheimer, Roosevelt oder Truman wichtige Rollen. Gleichzeitig rücken aber auch Wissenschaftler und Militärs in den Mittelpunkt, die vielen Lesern vermutlich weniger bekannt sind. Dadurch entsteht ein deutlich umfassenderes Bild davon, wie komplex die Entwicklung der Atombombe tatsächlich war.Besonders interessant fand ich die Darstellung von Leó Szilárd. Er gehörte zu den Wissenschaftlern, die früh vor einem möglichen deutschen Atomprogramm warnten und die Entwicklung der Bombe unterstützten. Später versuchte er jedoch, ihren Einsatz gegen Japan zu verhindern. Diese Entwicklung macht deutlich, wie unterschiedlich selbst die beteiligten Wissenschaftler die Folgen ihrer Arbeit einschätzten.Die Geschichte setzt dabei weniger auf große Dramatik als auf eine ruhige und chronologische Erzählweise. Statt spektakulärer Actionszenen stehen Gespräche, politische Entscheidungen und wissenschaftliche Entwicklungen im Mittelpunkt. Das sorgt zwar dafür, dass sich manche Abschnitte eher wie ein historischer Bericht lesen, gleichzeitig hilft dieser Aufbau aber dabei, die vielen Zusammenhänge besser zu verstehen.Auch zeichnerisch hat mich „Die Bombe“ überzeugt. Denis Rodier arbeitet ausschließlich mit Schwarzweiß-Zeichnungen und nutzt starke Kontraste, um den verschiedenen Schauplätzen einen ganz eigenen Charakter zu geben. Egal ob Labore, Besprechungsräume oder militärische Einrichtungen – alles wirkt detailliert und glaubwürdig. Trotz der großen Zahl an Figuren hatte ich außerdem nur selten Probleme, die wichtigsten Personen auseinanderzuhalten.Besonders gelungen fand ich, dass die Zeichnungen nie versuchen, die Ereignisse unnötig zu dramatisieren. Sie konzentrieren sich auf die Menschen und ihre Entscheidungen. Gerade dadurch entfalten viele Szenen ihre Wirkung, ohne dass ständig große Worte oder spektakuläre Bilder nötig wären.Natürlich bringt der Umfang auch seine Herausforderungen mit sich. Knapp 450 Seiten voller historischer Ereignisse verlangen Aufmerksamkeit. Wer einen schnellen Spannungscomic sucht, dürfte hier wahrscheinlich nicht glücklich werden. Die Geschichte nimmt sich Zeit und setzt voraus, dass man bereit ist, sich auf die vielen Zusammenhänge einzulassen.Umso eindrucksvoller sind dafür die letzten Kapitel. Nachdem man über viele Seiten hinweg verfolgt hat, wie Forschung, Politik und Militär aufeinander einwirken, erreichen die Ereignisse schließlich Hiroshima und Nagasaki. Gerade weil die Graphic Novel zuvor so ausführlich erzählt, bekommen diese letzten Seiten ein besonderes Gewicht.Für mich liegt genau darin die größte Stärke des Buches. „Die Bombe“ erklärt nicht nur, was passiert ist, sondern zeigt auch, wie viele Entscheidungen und Entwicklungen letztlich zu den Ereignissen im August 1945 geführt haben. Dadurch versteht man die historischen Zusammenhänge deutlich besser, als es eine reine Nacherzählung der Bombenabwürfe leisten könnte.
FAZIT
„Die Bombe“ ist keine Graphic Novel, die man an einem Abend verschlingt. Dafür ist das Thema zu komplex und der Umfang zu groß. Wer sich jedoch für Geschichte interessiert und bereit ist, sich auf die vielen wissenschaftlichen und politischen Hintergründe einzulassen, bekommt ein hervorragend recherchiertes Werk mit starken Schwarzweiß-Zeichnungen. Gerade weil sich die Autoren Zeit für die Vorgeschichte nehmen, hinterlassen die letzten Kapitel einen bleibenden Eindruck. Für mich gehört „Die Bombe“ zu den interessantesten historischen Graphic Novels, die ich in den letzten Jahren gelesen habe.
Copyright: Carlsen