Comic - Drama

Die Summe seiner Teile

Veröffentlicht am 24.08.2026
4/5
Die Summe seiner Teile
Was passiert eigentlich, wenn man einen Menschen nach seinem Tod digital weiterleben lassen könnte? Genau mit dieser Frage beschäftigt sich „Die Summe seiner Teile“ von Julia Zejn und Matthias Lehmann. Die Graphic Novel verbindet Science-Fiction mit einer sehr persönlichen Geschichte über Liebe, Verlust und die Frage, was einen Menschen eigentlich ausmacht.Statt auf spektakuläre Zukunftstechnik oder große Action zu setzen, konzentriert sich der Comic fast vollständig auf seine Figuren. Gerade dadurch wirkt die Geschichte erstaunlich nahbar und regt immer wieder zum Nachdenken an.
HANDLUNG
Bleibt ein digitalisiertes Bewusstsein tatsächlich ein Mensch?

Nach einem schweren Autounfall gibt es für Maras Liebe Joshua keine Hoffnung mehr – seine Organe drohen jede Minute zu versagen. In diesem schweren Moment tritt eine Vertreterin von "Mensana" an die junge Frau heran: Das neurowissenschaftliche Forschungsprogramm verspricht, das Bewusstsein einer todgeweihten Person mittels einer digitalen Kopie ihres Gehirns zu erhalten. Wie wunderbar ist es, per Videosimulation über ein Tablet mit Joshua zu sprechen, zweisam zu bleiben und den Alltag zu teilen! Doch schon bald führen Maras Bedürfnis nach körperlichen Erfahrungen und Joshuas Erkenntnis, im Bewusstsein ewigen Daseins die Bedeutung aller Dinge zu verlieren, zu rapide wachsenden Spannungen…
KRITIK
Mich hat vor allem überrascht, wie ruhig „Die Summe seiner Teile“ erzählt wird. Obwohl das Thema eigentlich riesiges Science-Fiction-Potenzial bietet, geht es hier kaum um die Technik selbst. Viel wichtiger ist die Frage, was mit einer Beziehung passiert, wenn einer der beiden Partner nur noch als digitales Bewusstsein existiert.Gerade dieser Fokus hat mir gefallen. Die Geschichte verliert sich nicht in komplizierten Erklärungen oder futuristischen Spielereien. Stattdessen beobachtet sie sehr genau, wie sich das Verhältnis zwischen Mara und Joshua verändert. Anfangs wirkt die neue Technik wie ein Wunder. Schließlich kann Mara weiterhin mit Joshua sprechen. Doch nach und nach zeigt sich, dass ihre Situation komplizierter ist, als sie zunächst erscheint.Besonders interessant fand ich dabei Joshua selbst. Er ist eben keine einfache Kopie, die genauso weitermacht wie vorher. Sein neues Dasein verändert auch seine Sicht auf die Welt. Dadurch entstehen Gespräche und Situationen, die immer wieder die Frage aufwerfen, ob ein digital gespeichertes Bewusstsein tatsächlich noch dieselbe Person sein kann.Die Graphic Novel liefert darauf keine einfachen Antworten. Stattdessen lässt sie ihren Figuren Zeit und überlässt viele Gedanken dem Leser. Genau das hat mir gefallen. Ich hatte nie das Gefühl, dass mir eine bestimmte Meinung aufgedrängt werden soll.Auch die Zeichnungen tragen viel zur Stimmung bei. Matthias Lehmann setzt komplett auf Schwarzweiß und konzentriert sich stark auf Mimik, Körpersprache und ruhige Bildkompositionen. Große Actionszenen sucht man vergeblich. Stattdessen entstehen viele starke Momente gerade durch kleine Gesten oder Blicke zwischen den Figuren.Das ruhige Erzähltempo dürfte allerdings nicht jeden ansprechen. Wer eine klassische Science-Fiction-Geschichte mit viel Technik oder Spannung erwartet, wird hier wahrscheinlich etwas anderes bekommen als gedacht. „Die Summe seiner Teile“ interessiert sich deutlich mehr für die Menschen als für die Technologie.Genau das macht den Comic für mich aber besonders. Die Geschichte nutzt ihre Zukunftsidee nicht als Selbstzweck, sondern stellt Fragen, die heute schon erstaunlich aktuell wirken. Wie weit darf Technologie gehen? Kann sie einen geliebten Menschen wirklich ersetzen? Und bleibt eine digitale Kopie am Ende noch dieselbe Person?
FAZIT
„Die Summe seiner Teile“ ist eine ruhige, nachdenkliche Science-Fiction-Geschichte, die sich weniger für technische Möglichkeiten als für ihre Auswirkungen auf zwischenmenschliche Beziehungen interessiert. Die starken Schwarzweißzeichnungen und die glaubwürdigen Figuren tragen viel dazu bei, dass die Geschichte funktioniert. Wer Action oder rasantes Erzähltempo sucht, wird hier vermutlich nicht fündig. Wer sich dagegen auf die Fragen einlässt, die der Comic stellt, bekommt eine Graphic Novel, über die man auch nach der letzten Seite noch eine Weile nachdenkt.


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