Comic - Drama

Die Ursache. Eine Andeutung

Veröffentlicht am 30.11.-0001
Die Ursache. Eine Andeutung
Die Ursache. Eine AndeutungComic - Drama | mit: Autor: Thomas Bernhard; Zeichner: Lukas KummerBewertung:★★★★★ Romane werden mittlerweile sehr gerne auch mal als Graphic Novel umgesetzt. Seien es Krimis, Klassiker oder Fantasybücher – das gedruckte Wort ist nicht mehr sicher vor der großen Comic-Invasion! Ob diese Art der Umsetzung auch für essayartige Publikationen wie die Autobiografischen Schriften des Autors Thomas Bernhard funktioniert? Handlung Das Internat ist ein Kerker, die Menschen um ihn herum stumpfsinnig und gemein, die Stadt Salzburg eine Todeskrankheit – im ersten Band seiner Autobiografischen Schriften beschreibt der Autor Thomas Bernhard die harte und einsame Zeit im Internat. Von Selbstmordgedanken über die Schrecken des Krieges bis hin zu der nicht weniger schrecklichen Zeit danach betreibt er eine Ursachenforschung, die unauslöschliche Spuren in seinem späteren Leben und auch in seinem Werk hinterlassen sollten.BewertungDas Thema von „Die Ursache. Eine Andeutung“ ist nicht einfach. Es geht um die Verbitterung eines Kindes seiner ganzen Umwelt gegenüber, die ihn im Stich gelassen hat. Es geht um den harten Umgang mit Kindern seitens der Eltern, der Schule und auch der Gesellschaft, die immer noch geprägt ist von den preußischen Tugenden, die sich mit dem Nationalsozialismus noch verstärkt, aber auch nach dem Krieg nicht nachgelassen haben. Und es geht um die Schrecken des Krieges, die Bombenangriffe, die zerstörten Gebäude und die Verrohung einer – in den Augen des Autors – bereits durch und durch verrohten Gesellschaft. Das alles an sich könnten einer Umsetzung in eine Graphic Novel schon im Wege stehen. Wenn man dann noch die sehr essayartige, in einer Art Bewusstseinsstrom verfasste Vorlage dazu nimmt, scheint es fast eine unmögliche Aufgabe zu sein. Diese hat der Illustrator Lukas Kummer aber auf erstaunliche Weise unglaublich gut gemeistert. Die Menschen haben in seinen Zeichnungen keine richtigen Gesichter, was die Uniformität innerhalb des Internats, aber auch der Gesellschaft sehr gut zum Ausdruck bringt. Vor allem die Kinder sind sehr skizzenhaft gezeichnet. Das wiederrum lässt die sehr detailreichen Darstellungen der Gebäude – sowohl im heilen als auch zerstörten Zustand – hervorstechen. Zusammen mit Bernhards Texten über seine Gefühle der Einsamkeit und des Verlorenseins wirken die Bilder der Häuserfronten noch verlassener und einsamer.
Das für mich faszinierendste und außergewöhnliche an „Die Ursache. Eine Andeutung“ ist, dass die Bilder und die Anordnung der Textstellen so gut zusammenpassen. Dadurch entwickelt sich eine seltsame Eigendynamik beim Lesen, die sich bei mir nicht eingestellt hätte, würde ich nur den Text lesen. Dadurch, dass Bernhard sehr verschachtelte Sätze schreibt und viele Ideen in abgewandelter Form im selben Satz wiederholt, würde ich beim Lesen wahrscheinlich vergessen, was am Anfang des Satzes gesagt wurde. Durch die gezwungenen Pausen durch die einzelnen Panels konnte ich so mich stärker auf die einzelnen Satzteile konzentrieren.
Was für mich ein kleines Haar in der Suppe war, waren die sehr gleich konzipierten Seiten. Die meisten bestehen aus 3x3 oder 4x3 Panels. Hier und da wurde diese Gleichförmigkeit durch größere Panels oder sogar mal von einer ganzseitigen Zeichnung aufgebrochen, ich hätte mir aber mehr von diesen Brüchen gewünscht.
Fazit Vorlage und Zeichnungen in Symbiose – für mich hat „Die Ursache. Eine Andeutung“ die Umsetzung einer Autobiografie in eine Graphic Novel wunderbar gemeistert. Lukas Kummer schafft es mit seinen Bildern, die verschachtelten und komplizierten Sätze von Thomas Bernhard in einen dynamischen Lesefluss zu bringen, in dem man die Ideen und Erlebnisse des Autors nachvollziehen kann. Obwohl die Zeichnungen sehr skizzenhaft aussehen – die Menschen sind zwar als solche zu erkennen, mehr aber auch nicht –, geben sie sehr eindrucksvoll und beklemmend die Erlebnisse des Autors wider.
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