Comic - Drama

Ein Jahr ohne Cthulhu

Veröffentlicht am 30.11.-0001
Ein Jahr ohne Cthulhu
Ein Jahr ohne Cthulhu Comic - Drama | mit: Thierry Smolderen, Alexandre Clérisse Bewertung:★★★★★ Wer hat sich in seiner Jugend nicht mal einige Zeit intensiv mit Computer- oder Rollenspielen beschäftigt. Und es schadet ja auch nicht, solange andere Dinge nicht darunter leiden. Wenn es allerdings wie bei Sam und Henri zur Besessenheit wird, der Friedhof als Spielort dient, die Entlassung von der Schule droht und irgendwie die Realität sich mehr und mehr mit der Phantasie vermischt - hier läuft etwas ordentlich falsch! Und dann wird eine ganze Familie ermordet, Auslöser möglicherweise ein „morbides Rollenspiel“? Diesen Herbst werden die Beiden so schnell nicht vergessen, Schlimmeres hätte auch der alte Cthulhu nicht anrichten können. Ein vielschichtiger, schriller, kunterbunter, unheimlicher bis verstörender Bericht aus den achtziger Jahren, der Jugend von Sam und Henri. Die Grenzen ihrer Realität bekommen Risse und Abgründe tun sich auf, die nicht nur den Beiden zum Verhängnis werden könnten. Zeitlose Popart, Farben aus dem All! Handlung Eigentlich wollten Sam und Henri nur im Café abhängen und so oft und so viel wie möglich in ihre Rollenspiel-Phantasiewelten verbringen. Denn die eigentliche Realität hat nicht viel zu bieten, ihre Familien sind eine Katastrophe und im Gymnasium sind die Beiden sowieso die ewigen Außenseiter. Doch wie aus heiterem Himmel ändert sich die Situation grundlegend, Sam und Henri werden regelrecht überfahren: Eine bezaubernde, neue Schülerin, Melusine aus Beirut, erzählt im Unterricht von untergegangenen Städten sowie alten, zornigen Göttern und schließt sich zur Überraschung Aller Henri und Sam an, hat sogar eigenen Spielskripten entworfen. Das alles missfällt Oriane, der Tochter der Bürgermeisterin außerordentlich, denn eigentlich gibt sie in der Klasse die Richtung vor. Vor einigen Jahren wurde ihr ein Auge ausgestochen, seitdem verfügt sie über ungewöhnliche, mentale Fähigkeiten, die sie stets zu ihrem Vorteil einsetzt. Dann taucht nach zwei Jahren Sams bester Freund, Dani, wieder auf, auch er frönt eigenartigen Hobbies, bastelt sich am Computer einen Avatar, ein digitales Abbild von sich selbst. Und plötzlich verlieren die Beiden vollends den Boden unter den Füßen: Melusine verunglückt schwer, Danis Familie wird ermordet, Oriane tickt völlig aus, Sam und Henri werden zu Mordverdächtigen und fast zu Mördern und ihre Flucht in Melusines Rollenspiel über Schuruppak, die Stadt der alten Götter, wird zum absoluten Höllentrip. Denn Melusine kennt Riten, Beschwörungen und Dämonen, die älter sind als die Menschheit! Sam und Henri sind endgültig gefangen zwischen Traum und Realität! BewertungThierry Smolderens komplexes, düsteres und anspruchsvolles Szenario spannt eine Vielzahl an Handlungssträngen und Zeitebenen auf und wird von Alexandre Clèrisse in wunderbar bunten, feinst ausgearbeiteten Zeichnungen mit verschmelzenden Unterstrukturen und allerlei Farbkontrasten und -abstufungen aufgearbeitet, ein graphisches Erlebnis der anderen Art! Smolderen zeichnet zunächst eine harmlose Kleinstadtkulisse mit alltäglichen Protagonisten und den üblichen Querelen im Schulalltag von Jugendlichen. Geschickt fügt er dann mehr und mehr verstörende, teils skurrile Elemente hinzu – widerliche Sirenen, Zombies und Skorpione – und verdichtet die hochkomplexe sowie tiefschichtige Handlung immer mehr, schlägt den Leser völlig in seinen Bann. Es entsteht ein faszinierender Kontrast zwischen einer verspielten, unbekümmerten Kulisse und einem dunklen und gnadenlosen Geheimnis. Clèrisse bedient sich oftmals geometrischer Figuren, die er in filigraner Kleinarbeit strukturiert und mit unterschiedlichen Farbkompositionen verwebt und so beeindruckende Eindrücke und Effekte, scheinbar sogar Klänge und Laute kreiert. Das Ambiente und der Alltagsstil der 80er Jahre herrschen auf vielen Seiten vor, selbst ein Walkman mit Cassette taucht auf. Einige Zeichnungen wirken trotz der überspitzt karikaturartig dargestellten Charaktere sehr realistisch, manche eher abstrakt, fast surrealistisch, oftmals verschmelzen die Figuren regelrecht mit den Bildhintergründen. Die sich immer weiter verdichtenden Geschehnisse werden immer wieder durch großformatige Landschaftsimpressionen aufgelockert, schöne, träumerische, aber auch alptraumhafte und kalt-digitale. Spielerisch gelingt es Alexandre Clérisse, ganze Landstriche oder mehrstöckige Häuser in allen Details in großformatige, abstrakt-schematische Gemälde zu komprimieren. Die farbenprächtigen, psychedelischen Bilder sind abwechslungsreich, vielschichtig, verleihen der Geschichte beständig ein neues Aussehen, eine weitere optische Nuance, einen neuen Charakter. Smolderen und Clérisse kombinieren unterschiedlichste Perspektiven, Strömungen, Theorien sowie feinste optische und textliche Nuancen zu einer perfekten Einheit, einem betörenden graphischen Universum des Unbekannten. Ich selber war bereits nach wenigen Seiten sowohl von den Ereignissen als auch ihrer Darstellung gefesselt, habe das 173 Seiten umfassende Buch ohne Unterbrechung gelesen, immer bemüht, jedes graphische sowie sprachliche Detail aufzunehmen. Ein ausführliches Nachwort von Thierry Smolderen erläutert die Hintergründe zur Entstehung der vorliegenden Arbeit und nennt als persönliche Beweggrunde unter anderem das „Eintauchen in eine beliebige Zeit seiner Jugend“ sowie sein Interesse für Rollenspiele, obwohl er selbst nie aktiv spielte. Alexandre Clèrisse dagegen schon! Weitere genannte Einflüsse sind Tron, David Lynch´s Blue Velvet, Dead Zone, (Voodoo- )Charlie Chaplin sowie ein heute praktisch unbekanntes, minimalistisches Arcade-Spiel namens QIX und eine daraus erwachsende künstliche Intelligenz. Die von Carlsen filigran strukturierte Hardcover-Edition und der rein mit Farbabstufungen gestaltete Inneneinband runden das Kunstwerk ab. Nach Ein diabolischer Sommer ein weiteres Meisterwerk von Smolderen und Clérisse!
Fazit Ein Jahr ohne Cthulhu ist eine vielschichtige Komposition aus amüsanter Jugenderzählung, ersten Schritten ins High-Tech Computerzeitalter, Horror- und Kriminalgeschichte, aber auch eine feine, romantische Note ist nicht zu verkennen. Die graphische Aufarbeitung erscheint einzigartig, ein wahres Farbenfest für die Sinne! Oftmals überlagert Clèrisse die eigentlichen Zeichnungen mit filigranen, feinst strukturierten geometrischen Mustern, an ihm ist definitiv ein Geometrie-Lehrer verloren gegangen. Und auch die Frisuren sind der reinste Irrsinn, die Achtziger Jahre lassen grüßen. Ein wirkliches Lese- und Sehvergnügen und eine gruselige Hommage an Lovecraft, R´lyeh, Cthulhu und Farbe(n) aus dem All, natürlich volle Punktzahl!
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