Comic - Drama

Erde oder Mond

Veröffentlicht am 02.11.2026
4/5
Erde oder Mond
Einleitung
Für ein Praktikum zur Vogelbeobachtung kehrt Othello in sein Heimatdorf zurück. Hier hat er mit sieben Jahren seinen Vater getötet. Was seine Mutter ihm damals aufgetragen hatte, verstand er nicht. In „Erde oder Mond“ erzählt Jade Khoo von seiner Rückkehr und dem Versuch, die eigene Familie zu verstehen. Das klingt bedrückend, doch der Comic lässt auch viel Platz für Freundschaft, Zuneigung und die Freude an der Natur.
Handlung
Vier Jahre nach dem Tod seines Vaters bekommt Othello durch seinen alten Freund Ange die Möglichkeit, an einem ornithologischen Praktikum teilzunehmen. Schon als Kinder haben die beiden gemeinsam Vögel beobachtet. Zurück im Dorf trifft Othello Menschen von früher wieder. Dabei kommen auch die Fragen zurück, auf die er noch immer keine Antwort hat: Warum gab seine Mutter ihm das Gift? Und wie gut kannte er seine Eltern überhaupt? Je mehr er herausfindet, desto mehr zweifelt er auch an der Gesellschaft, in der er aufgewachsen ist.
Bewertung
An den Zeichnungen kann man sich stellenweise kaum sattsehen. Das gilt besonders für die Landschaften: dichtes Blattwerk, Wolken und Licht, das auf Pflanzen fällt. Auch in kleinen Panels gibt es viel zu entdecken. Die Figuren mit ihren vereinfacht gezeichneten Gesichtern passen überraschend gut in diese detailreiche Umgebung. Khoo braucht oft nur wenige Striche, um ihre Stimmung einzufangen. Mal überzeichnet sie einen Gesichtsausdruck, mal genügt ein unsicherer Blick.
Den Vögeln widmet sie sich mit derselben Sorgfalt. Man merkt den Bildern an, wie genau sie hinschaut, und diese Begeisterung überträgt sich auf Othello und Ange. Ihnen beim Beobachten zuzusehen, macht einen guten Teil des Charmes aus. Die beiden können an etwas anknüpfen, das sie schon vor ihrer Trennung verbunden hat. Dass der Comic diesem gemeinsamen Hobby so viel Raum gibt, tut der Geschichte gut.
Besonders im Umgang mit Ange lernt man Othello näher kennen. Als er umarmt wird, schaut er etwa so verdutzt, dass man über die Szene schmunzeln muss. Es ist eine herzliche Begegnung, mit der er offenbar erst einmal umzugehen lernen muss. Solche kleinen Unsicherheiten trifft Khoo sehr schön. Sie lässt Othello selten erklären, was in ihm vorgeht. Meist erzählen seine Blicke und seine Körperhaltung schon genug. Beim Praktikum haben die beiden zudem endlich wieder etwas, das sie gemeinsam unternehmen können.
Erst nach und nach fällt auf, wie fremd die Welt hinter dieser ländlichen Idylle ist. Khoo hält sich mit Erklärungen zu ihrem Science-Fiction-Szenario zunächst zurück. Im Mittelpunkt stehen Othello, seine Erinnerungen und seine Familie. Das trägt die Geschichte auch durch die Passagen, in denen man die Zusammenhänge noch nicht ganz durchschaut. Zugleich bekommt die schöne Natur einen bitteren Beigeschmack: So friedlich die Landschaft aussieht, so wenig ist damit über das Zusammenleben der Menschen gesagt. Othellos Fragen führen schließlich auch zu Machtverhältnissen und zum Umgang mit der Umwelt.
Man braucht allerdings etwas Geduld. Wer früh erfahren möchte, nach welchen Regeln diese Gesellschaft funktioniert, dürfte sich an manchen Stellen mehr Erklärungen wünschen. Das Wiedersehen und die Vogelbeobachtung nehmen viel Raum ein, entsprechend ruhig erzählt sich dieser erste Band. Für ein abschließendes Urteil ist es ohnehin noch zu früh: Die deutsche Ausgabe hat zwar 296 Seiten, enthält aber erst den ersten Teil eines geplanten Zweiteilers. Ob am Ende alles zusammenfindet, wird sich in der Fortsetzung zeigen.
Fazit
Von „Erde oder Mond“ bleiben vor allem die schönen Aquarelle und die Freundschaft zwischen Othello und Ange in Erinnerung. Gerade die kleinen Szenen zwischen den beiden machen den Comic lesenswert. Othellos schwierige Familiengeschichte weckt dabei ebenso Neugier wie die Welt, über die man zunächst nur wenig erfährt. Das ruhige Tempo dürfte nicht jedem liegen. Mich macht dieser erste Band aber neugierig darauf, wie Khoo die Geschichte zu Ende erzählt.

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