Comic - Geschichte

Herr Werner wird zum Dieb

Veröffentlicht am 10.09.2026
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Herr Werner wird zum Dieb
Herr Werner wird zum Dieb


Wilhelm Werner arbeitet als Hausmeister in der Hamburger Kunsthalle. Er kennt viele der Künstlerinnen und Künstler, hilft bei Ausstellungen und erlebt das Geschehen im Museum aus nächster Nähe. Als die Nationalsozialisten beginnen, sogenannte „entartete Kunst“ aus den Museen zu entfernen, trifft Werner eine ungewöhnliche Entscheidung: Er nimmt sieben Gemälde der Künstlerin Anita Rée aus dem Depot und versteckt sie in seiner Dienstwohnung. Damit bewahrt er die Bilder vor dem Zugriff der Nationalsozialisten. Andrea Offermann erzählt in „Herr Werner wird zum Dieb“ diese wahre Geschichte als Sachcomic für junge Leser ab zehn Jahren.

HANDLUNG

Wilhelm Werner arbeitet in der Hamburger Kunsthalle – als Hausmeister kennt er die Künstlerinnen und Künstler, hilft bei Ausstellungen und erlebt das pulsierende Kunstleben hautnah. Doch als die Nationalsozialisten beginnen, sogenannte „entartete Kunst“ aus den Museen zu entfernen und zu vernichten, fasst Herr Werner einen mutigen Entschluss: Er stiehlt sieben Gemälde der Malerin Anita Rée aus dem Depot und versteckt sie in seiner Dienstwohnung direkt in der Kunsthalle. Trotz mehrerer Durchsuchungen dort bleiben die Bilder unentdeckt und überstehen so den Krieg.

Nach Kriegsende bringt Herr Werner die geretteten Werke zurück ins Museum. Über seine couragierte Tat spricht er nie öffentlich – er bleibt ein stiller Held. Die Autorin Andrea Offermann hat durch Gespräche mit Familienmitgliedern von Wilhelm Werner, Recherchen in Archiven und in der Hamburger Kunsthalle seine Geschichte rekonstruiert und sie in ein wunderbares Kinderbuch umgesetzt. Es erzählt auf zugängliche Weise davon, dass es in dunklen Zeiten mutige Menschen braucht – damals wie heute.

KRITIK

Die Ausgangslage von „Herr Werner wird zum Dieb“ klingt zunächst fast wie eine erfundene Geschichte: Ausgerechnet der Hausmeister einer Kunsthalle wird zum Dieb, um Gemälde zu retten. Wilhelm Werner stiehlt die Bilder allerdings nicht, um sich daran zu bereichern. Er versteckt sieben Werke von Anita Rée in seiner eigenen Dienstwohnung und sorgt damit dafür, dass sie die Zeit des Nationalsozialismus überstehen.

Gerade weil die Geschichte tatsächlich passiert ist, fand ich sie von Anfang an interessant. Andrea Offermann macht aus Wilhelm Werner dabei keinen überzeichneten Comic-Helden. Es gibt keine großen Reden und keine spektakulären Heldentaten. Im Mittelpunkt steht vielmehr eine konkrete Entscheidung: Werner sieht, was mit den Kunstwerken geschieht, und handelt.

Dabei hilft ihm natürlich seine Arbeit in der Hamburger Kunsthalle. Werner kennt das Gebäude, arbeitet bei Ausstellungen mit und kennt auch Künstlerinnen und Künstler persönlich. Dadurch bekommt man neben seiner Geschichte immer wieder einen Einblick in den damaligen Museumsalltag. Gleichzeitig wird verständlich, warum gerade Werner überhaupt die Möglichkeit hatte, die Bilder aus dem Depot verschwinden zu lassen und in seiner Dienstwohnung zu verstecken.

Besonders spannend wird die Geschichte durch das Risiko, entdeckt zu werden. Die Räume der Kunsthalle und auch Werners Wohnung werden durchsucht, die versteckten Bilder bleiben jedoch unentdeckt. Nach dem Krieg bringt er sie wieder zurück. Bemerkenswert ist für mich vor allem, dass Werner anschließend kein großes Werben um seine Tat macht. Er spricht öffentlich nicht darüber.

Gut gefällt mir auch, wie Andrea Offermann die persönliche Geschichte nutzt, um ein schwieriges historisches Thema zu vermitteln. Statt die NS-Kulturpolitik über lange Erklärungen abzuhandeln, zeigt sie anhand der Gemälde von Anita Rée, was die Einstufung als sogenannte „entartete Kunst“ für Künstler und ihre Werke bedeutete. Gerade für jüngere Leser ist das deutlich greifbarer, als wenn man ausschließlich Jahreszahlen und historische Begriffe präsentiert bekommt.

Das bedeutet aber nicht, dass der historische Hintergrund zu kurz kommt. Der eigentliche Comic wird durch zusätzliche Informationen ergänzt, die Wilhelm Werner und seine Zeit näher einordnen. Offermann hat für das Buch mit Mitgliedern der Familie Werner gesprochen, Archivmaterial ausgewertet und in Zusammenarbeit mit der Hamburger Kunsthalle recherchiert. Dadurch weiß man beim Lesen auch, dass die Geschichte nicht einfach für den Comic erfunden oder ausgeschmückt wurde.

Die Zeichnungen bleiben dabei übersichtlich und passen zur jungen Zielgruppe. Offermann versucht nicht, aus der Geschichte einen düsteren Thriller zu machen. Trotzdem funktioniert die Spannung, weil man weiß, was für Werner und die Bilder auf dem Spiel steht.

Genau hier liegt für mich eine der größten Stärken des Buches. „Herr Werner wird zum Dieb“ erzählt nicht allgemein von Mut oder Widerstand, sondern zeigt das Ganze an einem konkreten Menschen. Werner war Hausmeister und nutzte die Möglichkeiten, die ihm seine Arbeit bot. Das macht seine Geschichte auch deshalb interessant, weil seine Tat zunächst ziemlich unscheinbar wirkt. Sieben Bilder verschwinden aus einem Depot und werden in einer Wohnung versteckt. Dass wir diese Werke heute noch betrachten können, zeigt jedoch, welche Bedeutung diese Entscheidung hatte.


FAZIT

Andrea Offermann gelingt es, Wilhelm Werners Geschichte verständlich zu erzählen und gleichzeitig einen Einblick in die NS-Kulturpolitik und den Umgang mit sogenannter „entarteter Kunst“ zu geben.


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