Comic - Komödie

Ich will nicht arbeiten

Veröffentlicht am 26.08.2026
4/5
Ich will nicht arbeiten
„Ich will nicht arbeiten“ – allein der Titel dürfte bei manchen sofort für hochgezogene Augenbrauen sorgen. Tatsächlich steckt hinter Nele Jongelings Graphic Novel aber etwas ganz anderes, als man zunächst vermuten könnte. Es geht nicht um Faulheit oder Arbeitsverweigerung, sondern um Leistungsdruck, Selbstzweifel und die Frage, warum unser Beruf so oft darüber entscheidet, wie wir uns selbst wahrnehmen.

Mit einer Mischung aus Satire, Humor und vielen alltäglichen Situationen erzählt Jongeling eine Geschichte, in der sich vermutlich mehr Menschen wiederfinden, als ihnen vielleicht lieb ist.

HANDLUNG

Edith ist seit dem Abschluss ihres Studiums auf Jobsuche, doch eigentlich will sie gar nicht arbeiten. In der Hoffnung, trotzdem eine passende Stelle zu finden, nimmt sie am "Projekt Traumjob" teil – einer neuen Fernsehsendung, organisiert vom Bundesbüro für Beruf. Dort bekommt sie die Chance auf den perfekten Job, muss sich allerdings gemeinsam mit ihren Mitbewerber:innen einigen Challenges stellen…

KRITIK

Ich musste beim Lesen mehr als einmal schmunzeln. Nicht, weil Edith ständig in völlig verrückte Situationen gerät, sondern weil viele davon gar nicht so weit von der Realität entfernt sind. Natürlich überzeichnet Nele Jongeling ihre Welt bewusst. Trotzdem erkennt man erstaunlich viele Dinge wieder – Bewerbungsgespräche, den Druck, endlich den richtigen Job finden zu müssen, oder das ständige Gefühl, den Erwartungen anderer gerecht werden zu müssen.

Edith ist dabei eine Hauptfigur, mit der ich deutlich mehr anfangen konnte, als der Titel zunächst vermuten lässt. „Ich will nicht arbeiten“ klingt im ersten Moment nach purer Arbeitsverweigerung. Tatsächlich steckt dahinter aber viel Unsicherheit. Edith weiß selbst nicht so richtig, wohin sie eigentlich möchte, und genau das macht sie sympathisch. Sie wirkt nicht wie eine Heldin, sondern wie jemand, der einfach versucht, seinen Platz im Leben zu finden.

Gut gefallen hat mir außerdem, dass der Comic nicht ausschließlich Edith begleitet. Nach und nach lernt man auch die anderen Teilnehmer des „Projekt Traumjob“ kennen. Jeder bringt seine eigene Geschichte, seine eigenen Vorstellungen und ganz unterschiedliche Probleme mit. Dadurch entsteht ein abwechslungsreiches Bild davon, wie verschieden Menschen mit dem Thema Arbeit umgehen. Manche suchen ihren Traumjob, andere einfach nur Sicherheit oder Anerkennung.

Obwohl der Comic viele ernste Themen anspricht, verliert er seinen Humor nie. Die Castingshow ist herrlich überzogen und einige Situationen sind bewusst absurd. Gerade dadurch funktioniert die Satire so gut. Man lacht zunächst über die überdrehten Ideen und merkt einen Moment später, dass sie gar nicht so weit von unserer Arbeitswelt entfernt sind.

Auch die Zeichnungen haben mir richtig gut gefallen. Nele Jongelings Stil wirkt zunächst angenehm schlicht, transportiert aber viele Gefühle. Oft reicht schon ein Blick oder eine kleine Veränderung der Körperhaltung aus, um zu verstehen, wie sich Edith gerade fühlt. Besonders gelungen fand ich die Seiten, auf denen ihre Unsicherheit oder Überforderung auch grafisch sichtbar wird. Hier erzählen die Bilder häufig genauso viel wie die Dialoge.

Was ich ebenfalls mochte: Der Comic versucht gar nicht erst, einfache Antworten zu liefern. Es gibt keine Patentlösung dafür, wie man den perfekten Beruf findet oder glücklich wird. Stattdessen stellt Jongeling immer wieder Fragen, die man sich vielleicht selbst schon einmal gestellt hat. Muss Arbeit immer Spaß machen? Warum setzen wir uns so sehr unter Druck? Und warum fällt es vielen Menschen so schwer zuzugeben, dass sie gar nicht genau wissen, was sie eigentlich wollen?

Wer eine Geschichte mit vielen überraschenden Wendungen sucht, wird hier wahrscheinlich nicht ganz glücklich. „Ich will nicht arbeiten“ lebt weniger von seiner Handlung als von seinen Figuren und den Gedanken, die er anstößt.
FAZIT

„Ich will nicht arbeiten“ ist ein Comic, der deutlich mehr zu bieten hat, als sein Titel vermuten lässt. Mit viel Humor und einer guten Portion Selbstironie erzählt Nele Jongeling von Leistungsdruck, Unsicherheit und der Suche nach dem eigenen Platz im Berufsleben. Dabei wirkt die Geschichte nie belehrend, sondern angenehm menschlich. Gerade weil der Comic keine einfachen Antworten gibt, regt er auch nach der letzten Seite noch zum Nachdenken an.





Copyright: Reprodukt
ZURÜCK INS ARCHIV