Comic - Science Fiction

McCay

Veröffentlicht am 30.11.-0001
McCay
McCayComic - Science Fiction | mit: Thierry Smolderen und Jean-Philippe Bramanti Bewertung:★★★★★ Was genau ist die vierte Dimension? Thierry Smolderen und Jean-Philippe Bramanti verweben die Biographie des legendären Künstlers Winsor McCay mit düsteren, phantastisch-surrealen Elementen und schaffen eine faszinierende Interpretation dieser Thematik mehrdimensionaler Räume. Ein anspruchsvolles Projekt, dessen gesamte Tragweite dem Leser erst im Laufe der Lektüre wirklich bewusst wird! Carlsen präsentiert die überarbeitete Gesamtausgabe dieses ebenso spannenden wie lehrreichen Werkes – ein Meilenstein! Handlung Noch in der Ausbildung, beginnt der junge Künstler McCay seine Karriere als Portraitzeichner im Vaudeville Theater im Detroit des Jahres 1889. Dort lernt er Silas kennen, der sowohl mit handwerklicher, insbesondere aber mit überragender künstlerischer Begabung ausgestattet ist. Die Begegnung mit dem Mathematiker Charles Hinton bedeutet sowohl für McCay als auch für Silas einen dramatischen Wendepunkt in ihren Lebensläufen. Er erläutert Ihnen, wie aus einer dreidimensionalen linken Hand eine rechte Hand wird! Eigentlich eine Unmöglichkeit, doch durch das Beschreiten einer vierten Dimension, quasi durch das Durchdringen eines fiktiven Spiegels, verkehrt man alle Dinge in ihr Spiegelbild, einschließlich der Person selbst. Für McCay eine entsetzliche Erfahrung, die er nur noch vergessen will! Seither quälen ihn oft Alpträume und Visionen, die er durch Umsetzen in Bilder und Geschichten aber schnell zu beherrschen vermag. So geht McCay seinen Weg, seine Karriere verläuft beispiellos. Bald ist er mit seinen Geschichten von Little Nemo im ganzen Land bekannt, er besitzt seine eigene Slumberland Show und sogar der Medienzar Hearst will ihn für sich gewinnen. Silas dagegen schlägt eine kriminelle Laufbahn ein und er hat sich von seiner ersten Erfahrung mit der vierten Dimension nicht abschrecken lassen. Im Laufe der Jahre lernt er, die unerklärliche Spiegelwelt für seine finsteren Zwecke zu nutzen, doch er geht zu weit und erleidet einen schrecklichen Tod in den Flammen! Bald darauf erschüttert eine mysteriöse Mordserie das Land, wobei bei vielen der Getöteten das Herz unerklärlicherweise auf der rechten Körperseite liegt! Die Schwägerin von Charles Hinton verdächtigt zunächst McCay, doch neue Hinweise weisen in eine andere Richtung. Schnell beginnt ein tödliches Katz- und Maus-Spiel und bald geht es für McCay um nicht weniger als seinen Verstand! BewertungSmolderen beschreibt die wichtigsten Stationen in der künstlerischen Laufbahn des legendären Winsor McCay, einem frühen Wegbegleiter des klassischen Zeichentrickfilms und der Comic-Kunst. Darüber hinaus aber macht Smolderen einige neue Annahmen, erzeugt Verknüpfungen, die vorher nicht da waren, „verdichtet und verschiebt Figuren“. Nach seinen eigenen Worten gestaltet er sich so Freiräume, beispielsweise durch die Begegnung von McCay und Hinton, die historisch wohl nicht zu belegen ist. So entwirft er ein phantastisches Szenario rund um Winsor McCay, verschmilzt Geschichte und Fiktion, Realität und Traumwelten, alptraumhafte Sequenzen und berührende Phantasiewelten zu einer beispiellosen Gesamtimpression. Jean-Philippe Bramanti präsentiert die dramatischen Geschehnisse in nur punktuell kolorierten, überwiegend realistischen, opulenten Zeichnungen, die die damaligen Verhältnisse auch in großformatigen Stadtimpressionen wunderbar wiedergeben und oftmals auch völlig ohne Text wirken. Die überwiegend monochrome Farbgebung und der Zeichenstil passen sich der jeweiligen Stimmungslage mühelos an, für Sequenzen mit Little Nemo sind beispielsweise helle Hintergründe charakteristisch, der Strich weich und träumerisch, in absolutem Kontrast zu alptraumhaften Bildfolgen mit oft konturlosen, mehrfach schattierten, düsteren Darstellungen, die unheimlich und beunruhigend, teilweise fast wie aus einem surrealen Theaterstück wirken. Vielfach erscheinen die Zeichnungen leicht verschwommen, wie alte, flüchtige, schwindende Erinnerungen, die Künstler arbeiten mit einer gewissen Unbestimmtheit und Symbolik, beinahe schon mit Magie, einmal wird die vierte Dimension gar als „Jenseits“ bezeichnet. Ich persönlich habe tatsächlich eine „Eingewöhnungsphase“ benötigt, wurde dann aber schnell von den historischen Dimensionen der Geschichte und der stellenweise unheimlichen und doch sehr gefühlsbetonten Atmosphäre erfasst. Sehr interessant, fast wagemutig finde ich auch Thierry Smolderens These, woher Winsor Mccay die Ideen und Inspirationen für seine Bilder und Comics bezog. Waren es wirklich nur Alpträume und Visionen oder wandelte er nicht vielmehr Nacht für Nacht in der vierten Dimension, wo ein kleiner gesichtsloser Junge namens Nemo ständig an seine Seite eilt? Eine Cover-Galerie mit den Titelbildern der vier ursprünglichen Alben sowie einer Reihe neu geschaffener Cover-Impressionen, ein Vorwort des anerkannten Zeichentrickfilm-Historikers Donald Crafton und ein Nachwort von Thierry Smolderen zur Entstehung des vorliegenden Werkes runden die Gesamtausgabe perfekt ab. Fazit Bis zur endgültigen Vollendung dieser monumentalen Arbeit vergingen tatsächlich Jahrzehnte, es gab eine erste Ausgabe in vier Alben Ende der Neunziger Jahre, nun diese edle, nochmals detailliert überarbeitete Edition. Dementsprechend sollte man die Lektüre genießen, jedes Bild, jede Nuance dieses vielschichtigen, in sich verwobenen, träumerischen und doch so realen Werkes auskosten und zu ergründen suchen. Es lohnt sich! Volle Punktzahl!
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