Comic - Abenteuer

Spirou und Fantasio Gesamtausgabe 10 – 1972-1975

Veröffentlicht am 30.11.-0001
Spirou und Fantasio Gesamtausgabe 10 – 1972-1975
Spirou und Fantasio Gesamtausgabe 10 – 1972-1975Comic - Abenteuer | mit: Jean-Claude Fournier (Autor)Bewertung:★★★★★ Dieser zehnte Band der Spirou und Fantasio Gesamtausgabe ist ein Werk der Kontraste und Gegensätze und spiegelt die vielfältigen Interessen und Fähigkeiten von Jean-Claude Fornier wider. Ein fieser, größenwahnsinniger Triangel-Agent auf einer mit faszinierender Zyklotrop-Technik ausgestatteten Südsee-Insel, farbenprächtiger und tierischer Zauber im tiefsten Afrika und zuletzt tatsächlich eine waschechte Science-Fiction Episode vor ländlicher Kulisse mit eigentlich recht netten Xoriern, die aber auch anders können! Allen Episoden gemeinsam natürlich die Präsenz der beiden frisch-fröhlichen, ausgelassenen Freunde Spirou und Fantasio, wie immer unterstützt von verschiedenen Gefährten und natürlich: Pips! Lesefreude pur, (aber)witzig, spritzig, kunterbunt, rasant, oftmals brandaktuell und, seit der künstlerischen Übernahme durch Fournier, immer öfter zauberhaft! Handlung Triangel-Agenten entführen den zum Guten bekehrten Zyklotrop vom Schloss des Grafen von Rummelsdorf und verschleppen ihn auf eine Südsee-Insel namens Tora Torapa. Dort soll er für sie einen „Mücken-Magneten“ erfinden, mit dessen Hilfe sie die atomare Weltherrschaft erringen wollen. Ein richtig teuflischer Plan! Tatsächlich lässt sich der sonst eigentlich so clevere Zyklotrop auf´s Glatteis führen, doch Spirou, Fantasio, der Graf, Itoh Kata sowie eine neue Gefährtin namens Ororea heizen dem vollbärtigen Triangel-Boss, der übrigens ein alter Bekannter von Spirou und Fantasio ist, so richtig ein! Ein vergnügliches Katz-und-Maus-Spiel, das von einem regelrechten Feuerwerk an Gags, Späßen, skurrilen und urkomischen Begebenheiten untermalt wird.
Ein Kolidiamant, der tatsächlich Lebewesen einfach verschwinden lassen kann sowie ein geheimnisvolles Amulett verschlagen Spirou und Fantasio in ein afrikanisches Wildreservat. Dort geschehen merkwürdige Dinge und zwar so viele, dass die Freunde zunächst gar nicht wissen, wo sie anfangen sollen, um den faulen Zauber in Afrika aufzuklären. Eingeborene Zauberer werden entführt, Tiere verschwinden zu Hunderten und allerhand zwielichtige Gestalten belauern einander, gefährliche Feuergefechte sind tatsächlich keine Seltenheit. Als die Gefährten dann aber unerwartete Hilfe von Ororea bekommen und die „Bedienung“ des Kolidiamanten erlernen, dürfen sich die ganzen Fieslinge trotz hoher Temperaturen warm anziehen!
In der letzten Episode ist der Bürgermeister von Rummelsdorf einem kompletten Wutausbruch nahe: Kleine fliegende Untertassen stellen seine Gemeinde völlig auf den Kopf: Tiere spielen verrückt, Bauern werden von kleinen, fremdartigen Männchen bedroht und beraubt, zuletzt rückt sogar die Armee an! Und im Zentrum dieser ganzen außerirdischen Invasion steht, wie könnte es anders sein, Schloss Rummelsdorf! Die Gefährten haben wirklich alle Hände voll zu tun, um die gefährliche Situation zu entschärfen. Und dabei wollen die Außerirdischen doch nur eines: Apfelwein für Xorien! Besonders witzig fand ich hier eine Technik der Xorier, die es ihnen ermöglicht, Lebewesen regelrecht zu atomisieren – von Fornier zeichnerisch grandios umgesetzt – und dann woanders wieder „zusammenzusetzen“. Hätte nur noch „Beam me up, Scotty“ gefehlt.
Abgerundet wird die Gesamtausgabe durch eine Kurzgeschichte aus der Feder von Franquin, in der er Spirou und Fantasio die historische Begegnung mit Bizu, einer anderen, von ihm erdachten Figur, ermöglicht! BewertungEs ist einfach nur schön anzusehen, wie die Serie unter der Federführung von Fournier wächst und gedeiht, Altes mit Neuem zu einer immer perfekteren Einheit verwoben wird! Seit vielen Jahren vertraute Figuren aus der Feder seines Vorgängers Franquin, der Graf oder Zyklotrop beispielsweise, stehen oftmals Seite an Seite mit Fourniers Schöpfungen wie Itoh Kata und seiner Kaninchen-Horde und es kommen ständig neue Gefährten hinzu, diesmal die Alle bezaubernde Ororea. Und da der Zyklotrop als ewiger Gegenspieler zur guten Seite wegfällt müssen eben weiter die Gauner der Triangel herhalten! Das einzigartige Spirou und Fantasio-Universum wächst und gedeiht. Interessant ist auch der Einfluss der damaligen Zeit auf die optische Ausgestaltung der Figuren und Hintergründe, Pop-Art und Flower-Power hinterlassen ebenso ihre Spuren wie politische Gegebenheiten. Und auch das Äußere von Spirou ist klar im Umbruch, von seiner ursprünglichen roten Pagenuniform ist nicht mehr viel zu erkennen – eine Tatsache, die damals innerhalb der Spirou-Redaktion für viele Diskussionen sorgte. Insgesamt ist der Zeichenstil Fourniers mittlerweile absolut beständig, sicher und routiniert, den Vergleich zu seinem berühmten Vorgänger muss er wirklich nicht mehr scheuen. Er experimentiert mittlerweile mit neuen Gestaltungsmöglichkeiten wie schwarz-weißen Zeichnungen, allerlei Farbspielen sowie einer moderneren Panelgestaltung. Und dabei packt er in größere Panels manchmal derart viele Details, dass man sich nur wundern kann. Überhaupt gibt es in allen Zeichnungen so viele kleine Feinheiten und Details zu entdecken, hier eine Gaston Puppe, dort ein Wahlplakat „Wählt Franquin“ oder ein Grabstein mit seinem eigenen Namen, Fournier liebt es verspielt und zauberhaft!
Wie immer liefert ein umfangreicher Dokumentarteil zeitgeschichtliches Hintergrundmaterial zur Serie und ihrem damaligen Gestalter Jean-Claude Fournier. Neben unveröffentlichten Zeichnungen und Illustrationen sind viele Artikel und erheiternde Anekdoten zu entdecken, auch private Fotos und Einblicke in das damalige Leben von Fournier werden den Lesern nicht vorenthalten. Aufgelockert wird die Dokumentation durch wunderbare, großformatige Titelbilder der Zeitschrift Spirou. Auch zur Entstehung der einzelnen Episoden dieses Bandes werden hochinteressante Informationen bereitgehalten. Beispielsweise entstand „Fauler Zauber in Afrika“ direkt nach einer unter anderem vom Magazin Spirou organisierten Reise in den Niokolo-Koba Nationalpark im afrikanischen Senegal. Und neben den Gewinnern eines Preisausschreibens in Spirou nahm auch Fournier selbst an diesem Ausflug teil! Viele der Schauplätze in dieser Episode von Spirou und Fantasio wurden also realen Orten direkt nachempfunden, Fournier ging sogar soweit, einige seiner Reisegefährten in die Geschichte zu integrieren. Auch afrikanische Ureinwohner vor der Naturkulisse des Wildparks spielen eine nicht unerhebliche Rolle, was den damaligen Präsidenten des Senegal dazu bewog, das Album zum „Nationalcomic des Senegal“ zu erklären! Der Artikel „Die Spirou-Safari im Niokolo-Koba“ enthält weitere Fotos und Berichte. Auch zur Entstehung der beiden anderen Episoden gibt es allerhand interessante Details zu entdecken. Ein abschließender Artikel beschäftigt sich mit den regelmäßigen Treffen von Fournier mit seinen Mitstreitern aus der Redaktion von Spirou, wobei zu einigen dieser jetzigen Freunde Fournier als Kind begeistert aufgeblickt hat! Ein weiteres Thema dieses Artikels sind die ausgedehnten, für die damalige Zeit neuartigen Signiertourneen, die der Verlag Dupuis in Frankreich organisierte. Auf einer dieser Touren trafen die Künstler in einem Hotel Romy Schneider, die sich tatsächlich zu einem Aperitif einladen ließ. Darüber hinaus sind viele weitere private Facetten des Künstlers zu entdecken, wie beispielsweise seine damaligen Vorlieben bezüglich Kleidung und Musik, aber auch seine antimilitaristische Haltung, weswegen er sich in seinen Comics gerne selbst in Nebenrollen als nicht ganz ernst zu nehmenden Armeeoffizier darstellte. So zum Beispiel in der Episode „Apfelwein für Xorien“, in der er als „Weltbürger“ das damals schon aktuelle Thema der Intoleranz auf humoristische Art und Weise aufgearbeitet hat. Besonders angetan bin ich auch immer wieder von kleinen Nebenhandlungen mit Pips, Itoh´s Hasen und so manch anderem Getier! Und einen Gag möchte ich noch besonders hervorheben, da dieser auch heutzutage der Hit wäre: Nämlich streikendes Flugpersonal inklusive Piloten, wobei der Streik allerdings erst während des Fluges beginnt! Das wäre doch eine Idee für „Cockpit e.V.“.
Fazit Die Jahre ziehen ins Land, doch diese Tatsache stört die lustigen Gesellen um Spirou & Fantasio in keinster Weise! Ein weiterer quietschvergnügter, kunterbunter Band, der für Freunde humoristischer frankobelgischer Comics wirklich alles bietet: Neue, spritzige, witzige und spannenden Abenteuergeschichten, angehaucht von Wissenschaft, Zauber und Poesie, langweilig wird es nie! Es immer wieder erstaunlich, wie diese fast 50 Jahre alten Comicgeschichten derart frisch und teilweise sogar aktuell und modern auf den Leser wirken, beziehungsweise wie aktuell manche Themen auch damals schon waren. Und so lassen sich aus den erheiternden und humorvollen Geschichten auch einige durchaus ernsthafte Lehren ziehen. Auch dieser edle Hardcover-Band der Gesamtausgabe von Spirou und Fantasio ist für Jung und Alt, egal ob neue oder langjährige Leser, nur zu empfehlen.
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