Comic - Drama

Spirou und Fantasio Spezial 28: Spirou oder: Die Hoffnung, Teil 2: Weiter auf dem Weg des Grauens

Veröffentlicht am 30.11.-0001
Spirou und Fantasio Spezial 28: Spirou oder: Die Hoffnung, Teil 2: Weiter auf dem Weg des Grauens
Spirou und Fantasio Spezial 28: Spirou oder: Die Hoffnung, Teil 2: Weiter auf dem Weg des Grauens Comic - Drama | mit: Emile Bravo (Autor)Bewertung:★★★★★ Der Titel dieses Albums beschreibt die Situation im besetzten Brüssel des Jahres 1940 sehr treffend. Die deutschen Besatzer sind angekommen, Lebensmittel und Heizstoffe werden immer knapper, aber wenn man nicht immer ganz genau hinsieht, kann man sich als Belgier zumindest einen kleinen Rest Normalität bewahren. Doch einige von Spirou´s Freunden sind Juden und für diese werden die Repressalien, Demütigungen und Ängste zur grausamen, alltäglichen Realität! Dass weder Spirou & Fantasio, noch ihre kleinen Gefährten und Bekannten etwas von dem furchtbaren Grauen ahnen, das vielen ihrer jüdischen Freunde noch bevorsteht, macht die Lektüre dieses Werkes nur umso erschreckender. Eine weitere berührende Episode in klassischem Gewande aus der Feder von Émile Bravo, der zwischen die Zeilen der Geschichtsbücher schaut und ohne Effekthascherei scheinbar unbedeutende Schicksale und Begebenheiten ans Licht bringt. Trotz allerlei Blödeleien und Dummheiten des wie immer ungestümen Fantasio vergeht selbst dem optimistischen und herzensguten Spirou allmählich das Lachen! Wohl daher legt Spirou sogar sein Pagenkostüm ab, überwiegt bei ihm eine nachdenkliche, melancholische Grundstimmung! Eine eindringliche Arbeit wider das Vergessen, ein Aufruf, selbst scheinbar aussichtslosen Situationen etwas Positives abgewinnen zu können und dabei nie seine Menschlichkeit zu verlieren! Volle Punktzahl! Handlung Allmählich geht Spirou und Fantasio im von der deutschen Wehrmacht besetzten Brüssel im Winter 1940 so ziemlich alles aus! Die Wohnung ist eiskalt, das letzte Stück Wurst ist weg und die Miete seit Wochen nicht bezahlt. In ihrer Not besuchen sie ihre Freunde Felka und Felix, ein jüdisches Künstler-Ehepaar. Gemeinsam schmieden die Vier einen tollen Plan: Spirou und Fantasio sollen mit einem selbst gezimmerten Kasperle-Theater Alt und Jung, insbesondere aber natürlich die Kinder Belgiens erfreuen! Schon bald starten die Beiden mit ihren Marionetten, die sie selbst darstellen, ihre erste Tour, die ein voller Erfolg wird! Ihr emotionsgeladenes Stück beinhaltet die üblichen Elemente, einen bösen Wüterich, der von den guten Figuren – Spirou und Fantasio – ordentlich vermöbelt wird und spiegelt die damalige Realität von Hunger, Angst und Not erstaunlich gut wider! Glücklicherweise lässt sich das Stück auf viele Arten und Weisen interpretieren, denn die Beiden bleiben von den Besatzern und ihren Sympathisanten nicht unbemerkt! Und tatsächlich, wie es scheint, wird die fahrende Bühne von belgischen Widerstandskämpfern instrumentalisiert, zunächst sogar unbemerkt von den Schaustellern selbst! Und auch Fantasios neue Flamme, Frau Colin, ist ziemlich undurchschaubar. Als dann die Situation für die jüdische Bevölkerung, darunter Felix und Felka sowie die Knirpse Klein Louis und Suzanne, immer bedrohlicher wird, begehen Spirou & Fantasio einen fatalen Fehler. Im Bestreben, für ihre Freunde gefälschte Papiere zu besorgen, vertrauen sie sich den falschen Personen an. Das erste Mal in seinem Leben erfährt Spirou, was Verrat bedeutet! Und auch den Zielbahnhof der Züge aus der Dossin-Kaserne in Mechelen, wohin die inhaftierten Juden von den „schwarzen Männern“ gebracht werden, hört Spirou das erste Mal: Auschwitz! BewertungWenn man es nicht wüsste, würde man die vorliegende Arbeit in die klassische Spirou und Fantasio Ära einsortieren, ein absolut souveräner und markanter Strich der frankobelgischen Comic-Schulen eines oftmals längst vergessenen goldenen Zeitalters! Humor, Witz und Situationskomik sind nicht laut und grell, sondern bedacht und intelligent und manchmal sogar von einem Anflug Trauer überzogen! Die Zeichnungen sind liebevoll ausgeführt, die Bildhintergründe brillant und detailverliebt, man scheint in eine vergangene und doch so sehr vertraute Welt einzutauchen. Émile Bravo arbeitet nicht mit expliziten Gewaltdarstellungen, die Schrecken der damaligen Zeit werden dennoch durchaus greifbar und verständlich. Und dabei ist man dankbar, dass die Freunde die tatsächliche, fatale Situation in Nazideutschland mit all ihren Schrecken noch gar nicht erahnen. Sie hören zwar immer wieder von Ghettos und Hungersnöten, Arbeitslagern und deportierten Menschen, halten das Ganze aber für Propaganda der Deutschen. Spirou scheint sich des Grauens zwar langsam bewusst zu werden, für den chaotischen Fantasio scheint das ganze Leben ohnehin nur ein Witz zu sein, er wollte sogar nach Deutschland gehen um dort zu arbeiten! Hin und wieder aber, wenn er zum Beispiel wieder die letzten Lebensmittel alleine verputzt, schießt er klar übers Ziel hinaus und man würde ihm wirklich gerne eine verpassen! Die Tragödie strebt allmählich ihrem Höhepunkt zu, Juden bekommen nur halbe Rationen, dürfen nicht mehr in öffentliche Parks, müssen David-Sterne tragen und werden schließlich verhaftet und zur Dossin-Kaserne gebracht. Dazwischen gibt es immer wieder kleine erheiternde Episoden mit den kleinen Schützlingen von Spirou, aber selbst hier schleicht sich langsam das Grauen ein, die Späße verblassen fast schneller als man über sie lachen kann. Wenigstens gibt es noch die Freunde auf dem Lande, die zumindest hin und wieder mit Lebensmitteln aushelfen können. Als der hilfsbereite Spirou dann, ohne auf seine eigene Sicherheit zu achten, Klein-Louis und Suzanna zu Hilfe eilt, freut er sich sogar darüber, dass der Zug Richtung Ausschwitz fährt, weil er dort seine Freundin, das polnisch-jüdische Mädchen Kassandra vermutet! Was für eine grausame Ironie des Schicksals!
Ein kurzes Interview mit Émile Bravo am Ende des Bandes ordnet das vorliegende Werk ein in das ständig wachsende und nach wie vor faszinierende Spirou und Fantasio-Universum und gibt interessante Einblicke zur Entstehungsgeschichte des vorliegenden Bandes. Insgesamt wird das Gesamtwerk vier Bände mit 330 Seiten umfassen, die zumindest als Bleistiftzeichnungen bereits fertig gestellt sind. Der Künstler hat sich intensiv vorbereitet und die Situation in den Kriegsjahren eingehend recherchiert. Er hat sich, um die Vergangenheit für die Leser wieder lebendig werden zu lassen, gefragt, was er im Alter von Spirou, an seiner Stelle gemacht hätte! Dadurch, dass er quasi Kinder erzählen lässt, erreicht die Arbeit eine besondere Tiefe - ein lehrreiches Comic-Werk, das man stets mit einem lachenden und einem weinenden Auge betrachten wird! Fazit Die Gräuel von Krieg und Verfolgung kommen für die Freunde immer näher und näher! Dennoch verliert der lebensfrohe Spirou nie den Mut und hat immer ein Lächeln und eine freundliche Geste für seine Mitmenschen bereit, wie schlecht es ihm selbst auch gehen mag. Und genau das ist wichtiger als Waffen, Kampf und Gewalt! Eine einfühlsame, authentische Hommage an die klassischen Anfänge einer der bekanntesten frankobelgischen Comic-Serien, humoristisch, lehrreich und – leider – so aktuell wie eh und je!
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